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Anleitung zum Schneemannbau, Nuancen des Fremdseins und die Stimme des großen scheuen Fisches – Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis

Mitunter haben die Literatur und das Leben so viel miteinander gemein, dass man denken könnte, das Leben und die Literatur seien dasselbe. Stimmt natürlich so nicht, weil es da noch genügend Unterschiede gibt – so passt zum Beispiel ein richtiges langes Menschenleben nicht unbedingt zwischen zwei Buchdeckel. Selbst ein kurzes Menschenleben braucht meistens mehr Platz und Buchseiten. Aber so bibliophilosophisch sollte dieser Gedanke von der Übereinstimmung zwischen Literatur und Leben, Leben und Literatur eigentlich gar nicht ausgedeutet werden. Es ging hier eigentlich nur um einen profanen Satz und Vergleich im fünften der Deals der Woche, die im E-Book-Shop www.edition-digital.de jeweils eine Woche lang (Freitag, 30.11.18 – Freitag, 07.12.18) zum Sonderpreis zu haben sind. Der fünfte Titel ist übrigens noch einmal günstiger als günstig, kostet diese Woche nicht einmal einen ganzen Euro, sondern nur 99 Cents und hat einen ebenso fleißigen wie erfinderischen Mann zum Autor – Klaus Möckel. In diesem Falle hat er sich Gedanken darüber gemacht, warum denn zu den Festtagen nicht immer alles so klappt wie gewünscht und ob es dafür auch einen bisher von der Weihnachs- und Weihnachtsmannforschung kaum beachteten Grund gibt – einen Gegenentwurf zu Christkind und Weihnachtsmann, einen negativen Weihnachtsmann gewissermaßen …

Und was meinen Sie? Gibt es oder gibt es nicht? Eine spannende Antwort auf diese Frage können Sie bei Klaus Möckel und in seinem originellen Buch „Kneli, das schreckliche Weihnachtsmonster“ nachlesen. Und eben in jenem Buch findet sich auch der Satz, um dessentwillen wir in diesem Newsletter so einen langen Anlauf zur Erklärung der Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Literatur und Leben, von Leben und Literatur genommen haben und dabei fast ein bisschen außer Puste gekommen sind (Man ist ja schließlich auch nicht mehr der Jüngste, oder?). Dieser Satz lautet: „Ganz egal, was er meint“, unterbrach sie der Mann, „du weißt, dass in drei Wochen Weihnachten ist.“ Und das stimmt doch nun, oder etwa nicht?

Und falls Sie noch jetzt auf die Schnelle ein hübsches Geschenk brauchen, dann bietet sich „Kneli, das schreckliche Weihnachtsmonster“ geradezu an, das auch als gedrucktes Buch gekauft werden kann. Es ist jedenfalls eine hübsche Idee von Klaus Möckel, die Dinge einmal genau von der anderen Seite her zu betrachten und zu verstehen, warum passiert, was nicht passieren soll, aber eben doch passiert …

Außerdem sind vier weitere spannende und lesenswerte E-Books im aktuellen Angebot.

In „Das Vorbild mit dem Schnauzebart“ demontiert Günter Saalmann aus guten Gründen ein Denkmal, um es auf diese Weise umso menschlicher werden zu lassen – Nein, nicht das Denkmal, sondern das Vorbild.

Viel psychologisches und zwischenmenschliches Feingefühl ist in dem Erzählungsband „Die Fremden“ von Erich-Günther Sasse zu spüren.

Über seinen eigenen Weg zum Schreiben berichtet Max Walter Schulz in „Pinocchio und kein Ende. Notizen zur Literatur“.

Und in der kleinen Geschichte „Unser Ferkel Eduard“ von Hildegard und Siegfried Schumacher geht es um einen großen Plan.

Und damit zurück oder besser gesagt und geschrieben zum ersten der fünf Deals dieser Woche:

Erstmals 1978 erschien im Kinderbuchverlag Berlin die Druckausgabe von „Das Vorbild mit dem Schnauzebart“ von Günter Saalmann: Hermy hat seinen Vornamen nach dem alten Lehrer Hermann Duncker, den Hermys Großmutter in ihrer Jugend gut kannte, und der ihr selbst immer ein leuchtendes Vorbild war. Für sie müsste er, in Bronze gegossen, auf ewig auf einem hohen Denkmalssockel stehen. Und sie bearbeitet und ermahnt mit allerlei Geschichten und Sprüchen ihren Enkel ganz in Hermann Dunckers Sinne, und Hermy wird das allmählich zu viel. Er entzieht sich, wo immer er kann, ihren Erziehungsbemühungen, entdeckt einen unterirdischen Gang, wo er und seine Freunde sich zu einem Bund verschwören, der mit Schule und Großmutter wenig im Sinn hat. Es wird gefährlich – und doch zeigt sich, dass sich die jungen Leute auf ihre eigene Weise dem „Vorbild mit dem Schnauzebart“ annähern. Und Hermy erfährt, wer sein Großvater war. Aber das wissen wir ja auch schon. Und deshalb folgen wir der Idee des Autors, sein Buch nicht etwa – wie es sich gehört – mit dem ersten Kapitel zu beginnen und auch nicht mit dem ersten Teil, sondern gleich mit dem zweiten Teil:

AUS DEM 25. KAPITEL DES ZWEITEN TEILS

da ja sowieso immer welche zuerst beim Schluss nachlesen

Rückt ein Stück her zum Ofen, der Vater hat heute schon ein bisschen eingefeuert, und ich mag beim Erzählen nicht so schreien. Sieghard, du Unglücksrabe, stoß nicht an mit dem gebrochenen Flügel! Hermy, mein Herr Enkel, man bietet seiner Tamara den Stuhl an und nimmt selbst den Hocker!

Ja, Kinder, ich weiß: Da geht’s jemandem dreckig, da fühlt sich wer so recht verratzt, beschließt, hinfort der Welt zu trotzen – schon kommt eine Oma wie ich mit ihren Omasprüchlein: Putz dir die Nase, bis zur Hochzeit ist alles wieder gut, anderen Leuten ist es im Leben noch viel schlimmer ergangen. Und das klingt dann wie: Schämst du dich nicht, dass du noch so jung bist? Ja, ich weiß – so was kränkt und vergällt einem den ganzen schönen Schmerz.

Aber ich lass nicht locker und erzähle euch jetzt die Geschichte, wie ich fast einmal deinen Vater, Hermy, mittendurch reißen musste. Nein, nicht quer – der Länge nach, Sieghard, wenn du es genau wissen möchtest. Aber alles hübsch der Reihe nach.

Es war unter den Nazis, Herbst fünfunddreißig. Ich hatte mich längst an die Türschmierereien und Drohbriefe gewöhnt, die mir in bestimmten Abständen den Briefkasten verstopften, an diese linierten Fetzen, die nicht selten aus Schulheften herausgerissen waren: Hauze, hauze, hauze für die Schnauze, Hauze, hauze, hauze fürn Ballon.. So wie ich’s spreche – mit z. Anfangs machte ich mir den grimmigen Spaß, diese Arbeiten zu korrigieren und den Absendern zuzustellen – ich kannte doch meine reizenden Schüler an der Klaue, auch wenn sie ihre Verse lieber nicht unterschrieben.

Doch endlich hatte ich alle Hoffnung auf- und alle Spargroschen ausgegeben und klopfte an der gläsernen COMPTOIRtür vom Puppenfabrikanten Liesetritt um irgendeine Büroarbeit an.

Der Herr Fabrikant ließ seinen Rollschrank zuschnappen: „Ich kann heutzutage die größten Nackenschläge haben, wenn ich unbelehrbare Rote bei mir einstelle, die man sogar aus dem Schulamt weggejagt hat. Büroarbeit? Ist nicht. Aber aus alter Freundschaft zu Ihrem Herrn Vater, Ihrer Frau Mutter, Gott hab sie beide selig …“ Er seufzte, schlenkerte einen Klecks Tinte aus seinem Goldfüller und schrieb mir eine Heimarbeit aus. Fortan durfte ich mit dem Küchenmesser Pappmachéreste zwischen frischgepressten Puppenfingern wegkratzen. Fürs Dutzend hatte ich sechzehn Stück zu liefern. Nebenbei wusch ich Windeln, brachte meinem Sohn, deinem guten Vater, Hermy, das Laufen bei und sein erstes Liedchen.

Eines Tages nun fand ich im Briefkasten wieder einen Zettel ohne Unterschrift. Zuerst wollte ich ihn in den Ofen stecken, doch rechtzeitig sprangen mir zwei Buchstaben in die Augen: Dein H. D. ist aus dem Zuchthaus entlassen. Triffst ihn zuzeiten im Schlosspark von Friedrichroda. Na also, der Führer ist gar nicht so!

Die maschinegeschriebenen Lettern tanzten mir vor den Augen. H.D.! Das konnte nur einer sein … Der Name wurde in jener Zeit kaum geflüstert, geschweige denn voll ausgeschrieben … H. D. in Friedrichroda. Das war von unserem Alleben eine Stunde Fahrt. Wenn der Brief nur nicht von einem Lockspitzel der Polizei abgefasst war und mich in eine Falle zog … „Kontaktaufnahme zur illegalen Kommunistischen Partei Deutschlands“ würde dann später in der Urteilsbegründung nachzulesen sein … Aber ich musste ihn wenigstens sehen, meinen H. D., komme, was wolle!

Ich verwandelte mich. Ich bleichte mir das Haar mit einem Gurgelmittel, flocht mir blonde deutsche Zöpfe, rollte sie über den Ohren zu der beliebten preußischen Schneckenfrisur „Königin Luise“ und kostümierte mich als Nazimaid zurecht. Treuherzig und unauffällig, Friedrichroda sollte ja von hochgestellten Sommerfrischlern aus der Reichshauptstadt wimmeln, die von den Strapazen des „Regierens“ ausspannten …

Dein Vater, Hermy, war damals drei Jahre alt. Ich setzte ihm ein Sonnenhütchen auf, nahm ihn straff an der Hand und kletterte mit ihm in die Thüringerwaldbahn. Ihr kennt ja den Park vom Wandertag: herrliche alte Bäume, die riesenhafte Linde, Trauerbuchen, Lebensbäume. Im Herbst steigt von den Wegen der süße Herbstgeruch der Blätter. Der Vater zog mich mit Gekreisch zu den dicksten Laubhaufen; Mami musste mit ihm da hindurchrascheln. Ich zeigte ihm Astern und bunte Steine und hielt die Augen offen.

Nazis in prallen braunen Uniformen stolzierten herum wie fette Fasanen; wer keine Gattin am Arm führte, beobachtete uns mit Wohlwollen. Weltkriegsoffiziere staksten daher, funkelten durch ihr Einglas über die Menge hinweg und grüßten einander zackig und knapp. Und allenthalben Herrn in dunklem Zivil mit schwarzgewichsten Hitlerbärtchen unter den Nasen.

Und in dieser Gesellschaft sollte mein H. D. anzutreffen sein? Ihr denkt: Na, sie wird ihn schon getroffen haben, in Geschichten klappt’s schließlich immer. Stimmt. Aber diese Art Geschichten lässt gern manches zwischendurch weg, sonst werden die Lesebücher zu dick.

Von jetzt an fuhren wir jeden Sonntag nach Friedrichroda. Woche um Woche wurden die Bäume nackter, leerten sich die Promenaden. Das Laub faulte. Der Winter kam, ein stilles Weihnachtsfest, ein Neujahr mit trüben Aussichten, ich färbte mir zum dritten Mal die Haare nach. Es begann zu tauen. Aber wir fuhren nach Friedrichroda.

Einmal war der Vater vorausgelaufen, er hatte im Pappschnee eine besonders breite und tiefe Fußspur entdeckt, versicherte eifrig, sie wäre vom Weihnachtsmann … Die Stapfen verschwanden hinter einem Gesträuch abseits vom Wege. Ich folgte und bog vorsichtig die kahlen Zweige zur Seite: Da saß jemand auf einer vergessenen Sommerbank. Dem schenkte der Vater eben einen Schneeball.

Der Beschenkte zog sorgfältig die Strickhandschuhe von den Fingern und drückte den Ball zurecht. Dann fing er an, ihn vor seinen Füßen hin und her zu wälzen, wobei er dem Vater halblaut etwas erklärte. Während der Schneeball unter seinen Händen wuchs, hatte ich Zeit, genauer hinzusehen:

Ein eingebeulter Schlapphut, das Gesicht verbirgt sich hinter dem hochgeschlagenen Kragen des Lodenmantels. Wollene Ohrenschützer … Ein Greis, wie es scheint, der den Schnee in seiner Bankecke notdürftig zur Seite geschoben hat und fünf Minuten verschnauft, auf seinen Stock gestützt. Da blickte er hoch. Ein grauer, ausgefranster Schnauzebart hing ihm traurig bis zum Kinn, das dadurch aussah wie ohne Mund … War diese Aufmachung Maskerade wie meine Zopfschnecken? Alles wirkte zum Verzweifeln echt.

Mir saß ein Kloß in der Kehle, als ich ihn so wiedersah, eingesunken und murmelnd, meinen alten Parteilehrer, meinen guten, meinen lieben, der mir einst tönend und dröhnend viele Strophen Kommunismus gepredigt hatte und um dessentwillen ich als Backfisch von daheim ausgebüxt war mit nichts im Rucksack als meiner Gitarre. Jahrelang hatte ich mir die Partei nicht anders als so vorgestellt: eine endlose Kolonne, ein Teil liest im Marschieren, ein Teil singt … Grinse nicht, mein Herr Enkel, du kanntest H. D. nicht. Ich trat hinter den Sträuchern hervor. Einen Lidschlag lang wurde sein Gesicht steinern.

Doch dann schob er die Brille zurecht. „Klare Creutzburg!“, sagte er mit vom langen Schweigen belegten Stimmbändern, und ich sagte „Hermann Duncker!“ und war auch heiser.

„Entschuldige“, sagte er, „dieses Blond irritiert.“

„Mami, der Opa baut mir einen Schneemann“, ließ sich der Vater vernehmen.

„Nein“ – ein flüchtiges Lächeln vertiefte die Augenfalten des „Opas“, „bauen musst du ihn dir schon selber, ich hab dir ja eben gezeigt, wie!“ Er wandte sich wieder an mich: „Schneemänner baun wir jetzt … Wie ich sehe, hast du schon einen Sohn, Klare …“

Ich setzte mich zu ihm in den Schnee und erzählte ihm von mir. Dann schwiegen wir zusammen.“

Erstmals 1984 veröffentlichte Erich-Günther Sasse im damaligen VEB Hinstorff Verlag Rostock einen Band mit Erzählungen unter dem Titel „Die Fremden“: Das Schicksal der vereinsamten, heimatlosen Dichterin Else Lasker-Schüler am Ende ihres Lebens war für den Autor Ausgangspunkt eines tieferen Nachsinnens. Mit Sensibilität, psychologischem Feingespür und wachem Sinn für Realität schuf Erich-Günther Sasse zahlreiche Lebensbilder, die den Gedanken des Fremdseins nuancenreich variieren. Unaufdringlich, fast zögernd, aber doch mit der Intensität und wachsenden Kraft eines ruhig dahinfließenden Stromes ziehen uns die Gestalten des Buches in ihren Bann. Die engherzige Frau Apotheker Breitenbach, die den Tod ihres Mannes mit Gefühllosigkeit und scharfem Kalkül leicht verwindet. Frau Sieberkorn, die meint, die aufbegehrende Sinnenlust eines jungen Paares verhindern zu müssen, oder der Student Hans-Georg, der beim ersten Besuch im Hause seiner Verlobten ahnungslos die Rolle des verschollenen Sohnes annimmt. In allen Geschichten begegnet uns die Sehnsucht des Autors nach einer freundlicheren Welt. So auch in der ersten Erzählung des Bandes, in der mehr angedeutet wird als gesagt, aber dennoch alles klar ist:

„IM BOTANISCHEN GARTEN

Einmal in der Woche fuhren wir in die Stadt. Die Mutter zog ihr bestes Kleid an und streifte die feinen Handschuhe über: die aus weichem Leder für das schwarzsamtene, weißseidene zu dem aus dunkelblauer Spitze und für das Sommerkleid braune. Meine Mutter stammte von kleinen Leuten. Sie hatte sich gut verheiratet und war eine feine Frau geworden. Ich habe sie nie ohne Handschuhe in die Stadt fahren sehen.

Wenn die Großmutter sah, dass die Mutter vor dem Spiegel stand und sich zurechtmachte: der Hut mit Schleier, der helle Mantel, ein paar Tropfen Parfüm auf den Hals, lief sie im Schlafzimmer hin und her und sagte mit knallrotem Gesicht: Was du dich schon wieder so aufmöbelst! Die Mutter schraubte die Parfümflasche zu und sagte: Einmal ist man doch bloß jung!

Die Mutter und ich lebten im Dorf bei der Großmutter. Ich hatte schon oft gehört, dass mein Vater, der ein sehr anständiger Mann gewesen war, verschollen sei, ganz bestimmt aber wiederkommen werde. Ich wusste nicht, was das ist: ein Vater! und fühlte mich wohl mit den beiden Frauen. Es war damals nichts Besonderes, keinen Vater zu haben.

Die Großmutter stieß mit dem Fuß einen Schuhkarton unter den Ofen und sagte: Geschminkt und parfümiert, du musst dich ja vor dem Jungen schämen!

Die Mutter zog aus ihrer Handtasche eine kleine Dose, öffnete sie und rieb etwas in ihr Gesicht.

Die Großmutter trat nahe an sie heran und schnüffelte: Wie das stinkt, kann ja kein Mensch aushalten. Sie versuchte ihrer Tochter den Hut abzunehmen und sagte: Womöglich ist der Mann in Gefangenschaft und muss hungern. Ich möchte bloß wissen, für wen du das machst!

Die Mutter drehte sich mit einem Ruck um und sagte: Lass mich gefälligst in Ruhe. War es der Ton in der Stimme der Tochter, der die Großmutter ärgerte, oder kränkte sie das Bewusstsein, keine Macht mehr über meine Mutter zu haben, sie schnaufte beleidigt: Ich kenne keinen Mann auf der Welt, der einer Frau das vergeben hätte!

Die Mutter summte ein Lied, knöpfte mir den Mantel zu und zuckte mit den Schultern: Ich weiß nicht, wovon du redest.

Die Großmutter hielt mich am Arm fest und bettelte: Lass doch wenigstens den Jungen hier, dass er so was nicht mit ansehen muss, ein unschuldiges Kind. Sie stand und stand.

Die Mutter riss mich los und gab der Großmutter einen Schubs, dass die auf ihr Bett fiel. Da saß sie schwer atmend und brüllte: So ein verkommenes Subjekt aber auch. Mit dir will ich nichts mehr zu schaffen haben, du Subjekt … Sie zog sich am Bettrand hoch und schlurfte aus dem Schlafzimmer, ohne uns noch eines Blickes zu würdigen.

Die Mutter zupfte an ihrem Schal, knöpfte den Mantel zu und streifte die Handschuhe über. Dann hängte sie ihre Tasche an den Arm, nahm mich bei der Hand und sagte leise: Nun können wir gehen! Ohne über das Vorgefallene noch ein Wort zu reden, liefen wir zur Bahn. In der Stadt kaufte mir die Mutter eine Brause. Dann besuchten wir den Zahnarzt. Er küsste meiner Mutter den Handschuh, setzte sich in den Sessel uns gegenüber und redete über den Mann, der sein Freund gewesen war, meinen Vater.

Seine Frau brachte Kaffee oder was sie gerade zu trinken hatte. Sie zeigte mir bunte Bilderbücher. Manchmal streichelte sie mein Gesicht. Ich erinnere mich, dass sie trockene und weiche Hände hatte.

Bald sprang die Mutter auf und sagte, dass sie noch eine Menge zu erledigen habe. Der Zahnarzt küsste ihr wieder den Handschuh. Seine Frau brachte uns zur Tür. Bis zum Botanischen Garten hatten wir nicht lange zu laufen. In den Gewächshäusern war es still und heiß. Die Luft schien zu stehen. Wir guckten den Krokodilen zu, die unbeweglich halb im Wasser lagen, und spazierten unter Palmen und Bananen herum.

Meine Mutter wischte mit dem weißen Spitzentüchlein den Schweiß aus ihrem Gesicht, und sie erzählte mir, dass es dort, wo diese Bäume wüchsen, ganz warm sei.

Ich spürte, dass sie mit ihren Gedanken woanders war, und fragte: Noch wärmer als hier? Viel wärmer, sagte meine Mutter. Dann lief sie in die Ecke, wo das Lianengewirr dicht war und kaum jemand hinkam. Sie hockte auf einer Bank. Manchmal konnte ich sehen, wie ihre Schultern zuckten. Ich beobachtete lieber die Wellensittiche, die sich schnäbelten, und Kolibris, die zwischen den Gewächsen südlicher Regionen herumschwirrten.

Niemals habe ich bemerkt, dass die Mutter in dem stickigen Gewächshaus ihre Handschuhe ausgezogen hätte. Es war jedes Mal das gleiche: Nach einer Weile guckte sie auf die Uhr, wischte ihr Gesicht trocken und rief: Wir müssen gehen! Sie versuchte zu lächeln. Auf dem Bahnhof kaufte sie mir noch eine Brause.

Die Großmutter stand breit in der Tür. Na, sagte sie gedehnt, da seid ihr ja wieder, ist ja man gut! Sie beugte sich zu mir herunter und fragte: Ist wohl doch zu schön bei mir?

Ich nickte. Die Großmutter nahm mich mit in die Küche, wo sie alles genau wissen wollte. Ich erzählte. Nur dass die Mutter geweint hatte, verschwieg ich.

Die Mutter zog unterdessen ihr gutes Kleid aus und hängte es in den Schrank. Wenn sie in die Küche kam, drehte die Großmutter ihr den Rücken zu und schnaufte beleidigt. Einmal, als wir in die Stadt fahren wollten, sagte die Großmutter: Ich habe euch auf dem Hals. Solange ihr hier bei mir wohnt, habt ihr zu gehorchen!

Ja, sagte die Mutter und ließ sich nicht stören.

Die Großmutter riss ihr die Tasche aus der Hand und schmiss sie auf den Fußboden. Als die Mutter sich bückte, um sie aufzuheben, schrie die Großmutter: So ein blödes Gör ist eine Strafe Gottes. Sie hob die Rechte wie zum Schwur: Du Hure! Dann trat sie einen Schritt zurück, zitterte und brachte keinen Ton mehr heraus.

Die Mutter wischte ihre Tasche ab und nahm meine Hand, die sie fester als sonst hielt.

Einmal hörte ich, wie die Großmutter in der Küche zur Nachbarin klagte: Die Tochter ist mir so leicht, sie wird uns doch keine Schande machen. Ich verkroch mich unter dem Küchentisch und sah die dicken, gestopften Wollstrümpfe an den Beinen der Großmutter und hörte, wie die Nachbarin zu trösten versuchte: Kleine Kinder, kleine Sorgen, große Kinder, große Sorgen …

Die Großmutter hatte eine winzige Landwirtschaft. Ihren Acker bebaute ein Mann in mittleren Jahren, der kein Wort sprach. Das Vieh versorgte sie selbst: zwei Kühe und drei Schweine. Wenn meine Mutter zufassen wollte, hielt die Großmutter sie davon ab und sagte: Ich dulde nicht, dass du hier schuftest. Du hast einen feinen Mann geheiratet. Er wird zurückkommen, und du sollst in Schuss sein. Dann schüttelte sie ihren Kopf und jammerte: Jede Woche, pfui Deibel, da muss ein anständiger Mensch sich ja schämen!

Soll ich denn wie im Kloster leben? Die Mutter war rot geworden.

Alle zwei Wochen würde auch reichen! Die Großmutter spuckte dreimal aus und ging auf den Hof, um zu arbeiten. Sie war sicher, dass meine Mutter in die Stadt fuhr, um schlimme Dinge zu tun. Ich glaube, dass sie wirklich Angst hatte, ihre Tochter könne verkommen sein.

Ja, meine Mutter war eine feine Frau. Ich habe sie nie ohne Handschuhe in die Stadt fahren sehen. Und niemals habe ich bemerkt, dass sie ihre Handschuhe auch nur einen Moment ausgezogen hätte.“

Erstmals 1978 machte sich ein zu DDR-Zeiten sehr bekannter, hochangesehener und auch hochdekorierter Schriftsteller und Literatur-Funktionär im Mitteldeutschen Verlag Halle – Leipzig Gedanken und Notizen zur Literatur „Pinocchio und kein Ende“: Wie kommt einer zur Literatur? Wie begreift er das Lebensnotwendige vom Lesen und Schreiben? Max Walter Schulz, bekannt als Romancier und Essayist, geht in diesen Notizen zur Literatur eigenen Wegen der künstlerischen Praxis nach. Schreibt über das unersetzbare Vergnügen des Buchlesens. Bietet ein lehrhaft-unlehrhaftes Prosaseminar über den berühmten Hampelmann Pinocchio. Gibt Auskünfte über die Arbeit am erzählerischen Werk und über den Umgang mit Gefährten aus Vergangenheit und Gegenwart: Georg Büchner, Hermann Hesse, Willi Bredel, Alfred Andersch, Grigori Baklanow. Anlässe nützen die Möglichkeit, weitergreifende Anliegen sichtbar zu machen, Aussagen zu treffen über die persönliche und gesellschaftliche Verantwortung beim Schreiben der Wahrheit. Erkennbar in der Verständigung über das eigene Schaffen und über die Möglichkeit der Literatur im Ganzen. Kunst des Essays, Kultur der Sprache dienen dem Weitergreifenden, das über Anlässe hinaus ins Bedeutsamere zielt. Es ist ein Lesevergnügen, ein geistiges Vergnügen, dem Autor Max Walter Schulz, seinen Fragen, seinen Überlegungen, seinen poetischen Notizen zu folgen. Am Anfang seines Buches steht eine Art künstlerisches Glaubensbekenntnis:

„Konfession

Wer seine Absicht vorab verkündet, macht sich der Großsprecherei verdächtig. Die Leute, unter denen ich lebe, meine Leute, achten sehr auf Redlichkeit. Die meisten jedenfalls. Sie zählen das Geld und den Fisch nicht als Luft zwischen Daumen und Zeigefinger. Auch wiegen sie Gesinnung nicht als dicke Worte.

Andrerseits, wenn ich meine immerhin ungewöhnliche Absicht andeute, sagen sie mir, wo der große scheue Fisch steht. Seine Eigentümlichkeiten kennen sie aus langer Erfahrung. Ich meine übrigens auch, dass der große scheue Fisch der Vater aller Fische ist. Er ist ungemein stark. Er kann Schläge austeilen, die manchen kräftigen Mann ein für alle Mal erledigen. (Wie oft passierte das schon!) Dabei schmeckt sein Fleisch vorzüglich und hält gesund. Ich hüte mich freilich, meinen Leuten alles zu sagen, was ich mit dem großen scheuen Fisch anstellen will. Ich könnte es auch sagen. Es ist kein Geheimnis. Vielleicht würde mich gar niemand der Großsprecherei bezichtigen. Aber ich für meine Person rede vorab lieber nicht von dem Kunststück.

Ich mache mich an die Arbeit. Und weiß nur eins: Es gibt den großen scheuen Fisch. In den zoologischen Lehrbüchern ist er ausführlich beschrieben. Auf den Fischmärkten wird er das ganze Jahr über angeboten. Wenn ich mich an die Arbeit mache, lasse ich die Lehrbücher zu Hause und meide den Gang über den Fischmarkt. Bei der Ausfahrt halte ich mich möglichst mitten in der Flottille.

Es ist die gewöhnliche Fangarbeit. Nur bei mir mag es so aussehen, als betriebe ich den Fang nachlässig, als wollte ich gar nichts fangen. Dabei schneiden mir die Leinen in die Hände. Habe ich alles richtig gemacht, die Hinweise meiner Leute ernst genommen und den Anschein nahezu belustigtet Nachlässigkeit nicht vermieden, dann kann das Kunststück, das Ungewöhnliche gelingen. Dann gelingt’s mir nach dem Einholen des Netzes, den großen scheuen Fisch zu packen und ihn hochzuhalten über meinem Kopf. Er schlägt mächtig wie aufgeregter Federstahl. Aber wenn ich nur keine Angst habe, wird er nach einiger Zeit ganz ruhig. Sobald ich die Beute hochhalte, rudern meine Leute heran. Sie wollen jetzt erleben, wie der große scheue Fisch, der seiner Natur nach stumm ist, etwas zu ihnen sagt. Sagt er tatsächlich etwas, wundern sich die Herangekommenen überhaupt nicht. Sie kennen den Fisch. Sie brauchen ihn zum Leben. Wir treten schließlich mit allem, was wir zum Leben brauchen, in gesprächige Beziehungen.

Doch wirklich zufriedengestellt von dem Kunststück sind meine Leute erst dann, wenn sie das, was der große scheue Fisch sagt, und zwar auf gemeinverständige Art, so gemeinverständig noch nicht gehört haben. Sie verlangen eben diese gesprächige Beziehung als etwas ungewöhnlich Bekanntes.

Wenn meine Leute beginnen zu antworten, habe ich den großen scheuen Fisch schon wieder ins Wasser geworfen. Länger als die eine Sekunde, wo er ruhig wird und sich verlautbart, lässt er sich nicht halten. Auf der Heimfahrt gibt es Zurufe. Die wenigen Worte des Fisches werden wiederholt.

Manche geben keinen Pfennig dafür, manche machen einen Singsang draus, manche bedenken den Sinn der Worte, ob da ein Name enthalten sei für die Ungeborenen. Solche Namen sind ja Erwartungen, aufs eigene Fleisch und Blut gesetzte Erwartungen.

Man könnte vermuten, meine Leute, wir alle in unserer genossenschaftlichen Siedlung, wir wären wortgläubig. Ich stelle das in Abrede. Wir prüfen das Wort, auch das Wort, das der große scheue Fisch aus den Tiefen mit heraufbringt, auf sachkundige Verlässlichkeit. Ich kann darüber Auskunft geben, weil ich (wie jedermann weiß) sozusagen manchmal eine Stimme des großen scheuen Fisches bin.“

Erstmals gedruckt präsentierten Hildegard und Siegfried Schumacher 1970 als Band 79 der damals bekannten, beliebten und auch gern verschenkten Reihe „Die kleinen Trompeterbücher“) des Kinderbuchverlags Berlin ihre Erzählung „Unser Ferkel Eduard“: Pit und ihr Bruder Hannes bekommen vom Großvater ein Ferkel geschenkt, das sie allein aufziehen dürfen. Aber Großvaters Stall ist klein und unmodern. Er soll mit seinen Schweinen in einen modernen Stall im Nachbardorf umziehen, doch da ist er nicht mehr sein eigener Chef. Pit und Hannes lieben ihren Großvater sehr, sorgen sich aber auch um ihr Ferkel Eduard, das in dem kleinen Stall sterben könnte wie andere Ferkel vom Großvater. Da haben beide Kinder eine Idee, die sie sofort umsetzen. Zunächst aber sind wir in Großvaters Schweinestall, blicken auf zwölf Ferkel und erfahren, wie man sie voneinander unterscheiden kann:

„TAUFE IM SCHWEINESTALL

Jette hat geferkelt. In der Buchte quieken zwölf Schweinekinder. Hellrosa sind sie und weiß und seidig behaart.

Großvater streicht sich über den Schnauzbart. Ein feiner Wurf! Jette ist eine gute Sau, die beste Zuchtsau im ganzen Stall. Großvater bereitet ihr eine Extramahlzeit. Er schüttet gedämpfte Kartoffeln in den Futtereimer.

Hannes und Pit helfen. Hannes schleppt die Kanne mit der Magermilch heran. Zehn Liter schülpern darin. Aber er schafft die Kanne. Hannes ist stark. Pit würde die Kanne auch schaffen. Nur Hannes gibt sie nicht her. Mit beiden Händen hält er sie fest und sagt: „Viel zu schwer für ein Mädchen!“

„P!“, macht Pit, das Zopfmädchen.

„Hol man eine Schippe Kleie“, sagt Großvater zu ihr, – „nämlich, du verstreust nichts.“

Pit blitzt Hannes an. Sie bringt die Kleie. Kein Krümchen ist ihr von der Schippe gefallen.

Großvater mischt das Futter und kippt es in den Trog. Jette schmatzt und schlabbert.

Hannes und Pit lehnen am Gatter. Sie gucken auch den Jettekindern zu, die im Stroh rascheln.

Großvater greift sich ein Ferkel heraus und nimmt es auf den Arm. Es quiekt und zappelt. „Der hier“, sagt Großvater, „der ist der Größte. Ein Ferkeljunge. Den geb ich euch in Pflege.“

„Uns?“, fragen Hannes und Pit.

„Euch“, sagt Großvater, „jawoll! Nämlich, weil ihr doch Schweinezüchter werden wollt.“

Hannes nickt. „Wollen wir!“

Pit nickt auch. „Für Ferkel“, sagt sie und streichelt den Jettejungen.

„Bloß“, sagt Hannes und kraust die Nase, „bloß, sie sehen sich alle so ähnlich. Wie finden wir unser Ferkel immer heraus?“

Großvater brummt: „Kleinigkeit, einen Blick müsst ihr dafür kriegen!“ Großvater hat gut reden. Mit dem Blick dauert es noch eine Weile.

Pit aber weiß Rat. „Großvater“, sagt sie, „mal ihm doch ein Ohr blau an.“ Damit ist Großvater einverstanden. Er pinselt dem Jettejungen das rechte Schlappohr blau.

Soll nur Pit etwas erfinden? Hannes will auch ein guter Erfinder sein. Er ruft: „Das Ferkel braucht einen Namen!“

„Fein, wir taufen es!“, schreit Pit und hopst hoch.

Großvater schimpft: „Radaut hier nicht herum! Die Schweine müssen ihre Ruhe haben. Sonst schlägt das Futter nicht an.“

„Eduard soll unser Ferkel heißen“, flüstert Hannes.

„Wie du, Großvater“, flüstert Pit.

Großvater runzelt die Stirn. „Das ist wahrhaftig kein Schweinename!“

„Weil du uns das Ferkel gegeben hast, Großvater. Dir zu Ehren!“

„Na, gut“, brummt Großvater, „meinetwegen.“ Und wieder streicht er seinen Schnauzbart.

„Unser Ferkel Eduard“, sagt Pit und legt ihre Hand auf Eduards Kopf.

„Nun ich!“ Hannes schiebt Pit zur Seite. Er streicht dem Ferkel über die dreieckigen Ohren und flüstert: „Ich taufe dich auf Eduard.“

Großvater setzt Eduard in die Ferkelbuchte zurück. Sie ist von Jettes Koben abgetrennt. Eine Kinderstube also und eine Stube für Jette. Das ist nötig. Wie leicht könnte sonst die schlafende Mutter ein Ferkel erdrücken. Eng ist die Wohnung, sehr eng. Zu viele Schweinefamilien wohnen jetzt in diesem alten Stall. Die Luft ist stickig. Durch die kleinen Fenster fällt wenig Licht. Deshalb sterben manche Ferkel.

„Der Stall taugt nichts“, sagt Hannes. Schnell klopft er sich auf den Mund. Aber gesagt ist gesagt. Hannes hat an Großvaters Kummer gerührt. Was ist Großvaters Kummer? Vor drei Jahren wurde Großvater ein neuer Stall versprochen. Der wird nun in Wiesenau gebaut, weil dort ein Schweinekombinat entsteht. Wiesenau ist ein großes Dorf. Aber Hollershoh, wo Hannes, Pit und Großvater wohnen, ist klein. Hier sollen hunderttausend Hennen Eier legen.

In Großvaters Stirn sitzen tiefe Furchen. Oje, was hat Hannes angerichtet! „Wenn ich was zu sagen hätte, bekämst du sofort den neuen Stall“, sagt er.

„Ja, du!“, brummt Großvater. Sein Gesicht hellt sich für einen Augenblick auf. „Die denken, ich kann ja Hühnerbauer werden! Ich, der Schweinezüchter Hollmann!“

„Hühnerbauer!“, sagt Hannes und spuckt aus. „Was Ist schon ein Spektakelhuhn gegen ein Schwein?“

Pit ruft: „Nein, Großvater, du musst Schweinebauer bleiben! Wegen Eduard!“

„Wahrhaftig!“, sagt Großvater und dreht die Schnauzbartspitzen hoch. „Wir drei, wir bleiben Schweinebauern!“

Únd damit sind wir bei dem Supersonderpreis-Angebot dieser Woche: 2013 hatte EDITION digital als Eigenproduktion „Kneli, das schreckliche Weihnachtsmonster“ von Klaus Möckel herausgebracht und spätestens seit diesem Zeitpunkt wissen wir, dass es tatsächlich auch Weihnachtsmonster gibt: Alle kennen den Weihnachtsmann, der zum Fest Geschenke verteilt und den Kindern damit viel Freude bereitet. Doch wer ist für die weniger schönen, ja schlimmen Dinge zuständig, die während der Weihnachtszeit auch passieren? Wer lässt den Adventskranz anbrennen, bringt Lichterketten zur Explosion, legt falsche Geschenke unter den Baum, so dass es manchmal sogar zum Streit kommt? Schuld an diesen Übeltaten sind die hierzulande kaum bekannten Weihnachtsmonster, zu denen auch Kneli gehört, ein knallrotes Wesen mit sechs Fingern an jeder Hand und dem Aussehen eines Kartoffelsacks. Als Knelis Vater noch vor dem Fest krank wird, kommt die große Stunde des Monsterjungen. Er darf Papas Aufträge übernehmen und an seiner Stelle Schornsteine verstopfen, Geschenke vertauschen, kurz, alle möglichen Pannen während der Weihnachtszeit vorbereiten. Für Kneli, der durch Wände gleiten und unsichtbar werden kann, geht zunächst auch alles gut. Er erfüllt seine Aufgaben gewissenhaft. Als ihn aber in einer der fremden Wohnungen unversehens eine Katze kratzt, verliert er, ohne es zu merken, seine magischen Fähigkeiten. So kann ihn das Mädchen Naika entdecken, wodurch er in höchste Bedrängnis kommt. Aber Naika, deren Eltern sich getrennt haben, hat noch größere Probleme. Überraschend bittet sie ihn um Hilfe. Allmählich entsteht Freundschaft zwischen Naika und Kneli. Als dann noch zwei Ganoven auftauchen und das Mädchen entführen, steht der Junge vor einer schwierigen Entscheidung. Soll er sich, den Monstergesetzen folgend, aus den Angelegenheiten der Menschen heraushalten, oder soll er Naika helfen, was für ihn und seine magischen Fähigkeiten sehr gefährlich werden kann? Eine humorvoll-spannende Geschichte, nicht nur für Weihnachten, sondern auch zu anderen Gelegenheiten zu lesen und vielleicht auch vorzulesen. Zunächst aber lernen wir die Eltern von Kneli kennen, wobei sein Vater gerade in gesundheitlichen Schwierigkeiten steckt:

„1. Kapitel

Eusebo, das dicke, knallrote Monster mit den blauen Augen, lag mit einem feuchten Handtuch auf der Stirn im Bett. „Mir ist zugleich heiß und kalt“, jammerte es, „der Hals tut mir weh, und im Kopf dröhnt es, als würde ein ganzes Orchester Musik machen. Mit Pauken und Trompeten! Das kalte Tuch nützt überhaupt nichts. Mir ist so schlecht, ich glaube, ich muss sterben.“

Eusebo war ein Monstermann mittleren Alters. Seine Frau Ernstina nahm ihm das Handtuch ab und ersetzte es durch einen Eisbeutel. „Unsinn“, erwiderte sie mit einer Stimme, deren Sanftheit man ihrer unförmigen Gestalt nicht zugetraut hätte. „Du hast dir zwar eine Erkältung zugezogen, die wir nicht auf die leichte Schulter nehmen dürfen, aber mit meiner und Doktor Ungetüms Hilfe wirst du es überstehen. Trink nur schön deine heiße Schokolade, dann wird es dir bald besser gehen.“

Eusebo schüttelte sich. „Brrr! Immer wenn mir etwas fehlt, verordnet mir der Quacksalber dieses süße Gebräu. Als ob er nicht genau wüsste, dass unsereinem so etwas absolut zuwider ist. Kannst du mir nicht eine Flasche Lebertran bringen oder wenigstens eine Tasse Essig? Ich hab solchen Appetit auf einen Schluck Scheußliches.“

„Der Doktor ist alles andere als ein Quacksalber, und Essig oder Lebertran machen die Sache nur schlimmer“, erklärte die Frau. „Du willst doch nicht ewig hier liegen. Wenigstens zur Jahresendversammlung solltest du wieder auf den Beinen sein. Das schickt sich für jedes Weihnachtsmonster, und wir haben bisher stets teilgenommen.“ Das schien Eusebo einzusehen. Gehorsam trank er einen Schluck Schokolade, auch wenn er dabei angewidert das Gesicht verzog. Dann erst fiel ihm an den Worten seiner Frau etwas auf. Erschrocken hob er den Kopf. „Zur Jahresendversammlung erst? Das geht nicht, ist ganz unmöglich. Spätestens in drei Tagen muss ich wieder fit sein!“

„Das schaffen wir nie. Dr. Ungetüm meint …“

„Ganz egal, was er meint“, unterbrach sie der Mann, „du weißt, dass in drei Wochen Weihnachten ist. Gerade in diesem Jahr habe ich besonders schöne Aufträge bekommen. Wie soll ich mich der Versammlung präsentieren, wenn ich sie nicht erfülle. Ich mache mich zum Gespött sämtlicher Ungeheuer der näheren und weiteren Umgebung!“

„Erstens“, sagte seine Frau, „macht sich niemand, der uns kennt, über einen Kranken lustig, und zweitens wird wohl in diesem Fall irgendein Kollege deinen Dienst übernehmen können. Übrigens ist das Unheil allein durch deine Schuld entstanden. Hättest du nicht – betrunken, wie du warst und nur um deiner neuen Sekretärin zu imponieren – nach dem Betriebsfest kürzlich im eiskalten Moorloch gebadet, wäre das alles nicht passiert.“

„Aber das ist es ja gerade“, stöhnte Eusebo. „Wenn das die Kollegen erfahren, bin ich bis in meine schwarze Seele hinein blamiert.“

„Dann streite es ab, serviere ihnen eine deiner Lügen. Darin bist du doch Meister.“

„Sie werden es durchschauen“, stöhnte das knallrote Monster. „Meine Schwindeleien wirken nur bei den Menschen. Könntest nicht vielleicht du an meiner Stelle … ?“

„Ich denke nicht daran“, erwiderte Ernstina entschieden. „Die Suppe löffle gefälligst selber aus. Ich hab genug mit Mutter zu tun; sie wird in letzter Zeit recht wunderlich. Brät das Schlangenfleisch mit kostbarem Zauberfett, erkennt ihre Nachbarn nicht mehr und beschimpft den Hausmeister als Menschenfreund. Man kann sie kaum noch allein lassen.“

„Aber die Aufträge“, jammerte Eusebo wieder. Das war nun wirklich ein Problem, denn diese Arbeit musste getan werden! So viel man nämlich auch über die guten Taten des Weihnachtsmannes und des Christkindes weiß – dass es die Weihnachtsmonster gibt und sie gleichfalls eine Menge zu erledigen haben, ist weitgehend unbekannt. Möglicherweise hängt das mit ihrem für uns wenig angenehmen Wirken zusammen, wir reden lieber von dummen Zufällen, nehmen die Wahrheit einfach nicht zur Kenntnis. Dessen ungeachtet gehören die Streiche der Monster zum Fest wie Braten und Kerzenschein. Oder stimmt es etwa nicht, dass um diese Zeit herum jedes Jahr Adventskränze brennen, Christbäume umstürzen, das falsche Geschenk auf dem Gabentisch liegt, Streit wegen Kleinigkeiten in so mancher Familie entsteht? Für all diese Misslichkeiten aber sind genau jene Ungeheuer zuständig, die sich Weihnachtsmonster nennen. Sie unterscheiden sich kaum von ihresgleichen, zeichnen sich lediglich durch ihre rote Farbe, eine Zapfennase und ein Flackern in den Augen aus, das an rußende Kerzen erinnert. Im übrigen sind sie einfach unförmig und hässlich. Das allerdings empfinden nur wir so, sie selbst halten sich durchaus für wohlgeformt und schön.

Eusebo beklagte also seine Lage, fand aber keine Lösung und sank entkräftet aufs Lager zurück. „Das wird eine Katastrophe, ein glatter Reinfall, mein schlimmstes Weihnachten seit Monstergedenken“, murmelte er. Seine Frau verließ achselzuckend das Zimmer, sie wollte und konnte ihm nicht helfen.

Doch wie es manchmal so geht, nahte unverdientermaßen Beistand von anderer Seite. Kaum hatte sich Ernstina entfernt, flog jäh die Schranktür auf, und eine muntere Stimme rief: „Nimm die Sache nicht gleich so tragisch, Papa, ich bin auch noch da. Wenn du willst, helfe ich dir aus der Patsche.“

Mit einem Ächzen richtete sich Eusebo ein zweites Mal auf. „Wie oft habe ich dir schon verboten, durch den Schrank in die Wohnung zu kommen, Kneli! Das kannst du bei den Menschen machen, aber nicht bei uns. Anscheinend hast du deine Mutter und mich belauscht. Wie lange steckst du schon da drin?“

„Gar nicht lange. Es war nur, weil ich euch nicht stören wollte. Außerdem krieg ich die Haustür immer nicht auf. Sie geht so schwer.“

„Papperlapapp, du hast wahrscheinlich bloß wieder den richtigen Spruch vergessen. Aber wie man durch die Wand kommt, merkst du dir.“

„Weil das zu den wichtigen Dingen im Monsterleben gehört. Das sagt sogar der Lehrer.“

Eusebo seufzte. „Du bist zwar ein Junge, kommst aber in einigen Punkten voll nach deiner Mutter. Du musst immer das letzte Wort haben.“

Kneli hüpfte aus dem Schrank und schloss die Tür hinter sich. „Lassen wir die Kleinigkeiten, Papa. Soll ich dir nun helfen oder nicht?“

„Wie denn helfen? Willst du vielleicht meine Aufträge übernehmen?“ Eusebo machte eine wegwerfende Handbewegung.

Doch Kneli ließ sich nicht abwimmeln. „Warum denn nicht? Hast du vergessen, dass ich im vorigen Jahr schon mal dabei war? Wir haben den Leuten die Pullover und Hosen vertauscht, die sie gekauft hatten. Du brauchst mir bloß zu sagen, was das für Aufträge sind. Ich versprech’s dir: Keiner wird merken, dass nicht der berühmte Eusebo, sondern sein Sohn Kneli, der Schreckliche, die Sache gedeichselt hat.“´

Also, machen Sie sich zum diesjährigen Fest auf was gefasst. Monsterspross übernimmt die Aufträge und die Verantwortung. Und noch was: In drei Wochen ist Weihnachten …

Viel Spaß beim Bücherkaufen und bei den anderen (vielleicht nicht ganz so lebenswichtigen Vorbereitungen), viel Spaß beim Lesen und Vorlesen und bis demnächst.

Über die EDITION digital Pekrul & Sohn GbR

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