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Deutsche Träume in Südafrika, 200 Wörter von Goethe und ein Königs Kind

Zeitreisen sind eine spannende Angelegenheit, kann man doch auf diese Weise in die Zukunft wie auch in die Vergangenheit reisen – zumindest in Gedanken und dort wie auch unterwegs natürlich allerhand (literarische) Abenteuer erleben. Das wissen und schätzen nicht zuletzt die vielen Leserinnen und Leser des zu einer Art Bestseller-Autor avancierten Erfinder von Aphrodite, der ebenso hübschen wie kämpferischen Zeitreisenden, Hardy Manthey. Aber natürlich spiegeln sich in diesen Zeitreisen, so weit sie auch führen mögen, immer auch die Zeit der Gegenwart und deren aktuelle Probleme. Und so ist es auch nicht unbedingt verwunderlich, dass der aktuellen Beitrag zum Thema Fridays for Future – Freitage für die Zukunft diesmal eine Zeitreise ist. Jede Woche wird an dieser Stelle zu Beginn jeder Sendung jeweils ein Buch vorgestellt, das im weitesten Sinne mit den Themen Klima, Umwelt und Frieden zu tun hat – also mit den ganz großen Themen der Erde und dieser Zeit. Und da hat die Literatur schon immer ein gewichtiges Wort mitzureden und heute erst recht. Allerdings sind diese Angebote im Gegensatz den anderen Offerten nicht preisgesenkt, sondern sie werden zum Normalpreis verkauft.

Konkret geht es um den 7. Teil der Zeitreisenden-Reihe von Hardy Manthey, „Die Macht der Unsterblichen“,  wo uns eine allerdings ziemlich düstere Zukunftsaussicht erwarten: Der größte Teil der Erde ist im Meer verschwunden. Es herrschen Korruption, Absolutismus und ungeheurer Machtmissbrauch. Ob Aphrodite da noch was ausrichten kann? Warten wir es ab. Oder besser noch: Tun wir auf der richtigen Erde heute was. Auch in diesem Sinne kann Literatur vielleicht was bewirken. Friday for Future eben. Soweit zum Thema Freitage für die Zukunft, die heute zu einem weiteren Rendezvous mit Aphrodite einladen – und mit der Zukunft und wie schon erwähnt zum Normalpreis.

Bei den anderen Angeboten bleibt es dagegen bei den bekannten Sonderpreisen. Und nun zu den aktuellen Deals der Woche, die im E-Book-Shop www.edition-digital.de jeweils eine Woche lang (Freitag, 28.06.19 – Freitag, 05.07.19) zu einem deutlich günstigeren Preis zu haben sind. In dieser Woche sind gleich zwei Tagebuch-Romane darunter. So können wir in „Einsam in Südwest“ von Jürgen Leskien viel Spannendes „Aus dem Nachlass des Eisenbahners Hermann Köppen, Beamter an der Strecke Swakopmund – Windhuk, Südwestafrika“ erfahren. Die gleiche künstlerische Methode hat auch Heinz Kruschel in seinem Tagebuch-Roman „Mein elftes Schuljahr“ angewandt.

Schwerwiegendes, Gewichtiges, Unwichtiges, Ernst und Spaß, für jeden was“ hat Rudi Czerwenka zu erzählen.

In „Königs Kind“ macht uns Karina Brauer mit eben einem solchen Menschen näher bekannt.

Unter dem im besten Sinne des Wortes merkwürdigen Titel „Tintenfisch dressiert“ stellt Dietmar Beetz Gedichte für jung und alt vor – gewissermaßen verdichtete Gedanken.

Und damit soll wieder Aphrodite das Wort haben – Aphrodite, die Zeitreisende:

Exklusiv bei EDITION digital und nur als E-Book erschien 2012 „Die Macht der Unsterblichen“ von Hardy Manthey – der 7. Teil seiner Zeitreisenden-Reihe mit fantastischen Romanen – 2017 in einer zweiten, stark überarbeiteten Auflage: Die ferne Welt des Planeten, auf dem die Frauen herrschten, hat Aphrodite nun verlassen. Die Erfahrung, dass die Macht in den Händen der Frauen nicht automatisch Glück und Wohlstand für die Menschen bedeutet, nimmt sie mit. Herrschaft über das andere Geschlecht bedeutet also immer Ungleichheit und Ausbeutung. Auch weiß sie nun, dass der Überlebenskampf eine wichtige Triebfeder des Fortschritts ist. Versinkt eine Gesellschaft in Stagnation und begnügt sich mit dem Wenigen, was sie erzeugt hat, ist der schleichende Untergang schon in Sicht. Die Welt des vierten Jahrtausends wartet in dem vorliegenden Teil auf sie. Ist es der Blick in eine leuchtende Zukunft oder darf die Zeitreisende dem Untergang der Menschheit zuschauen? Begleiten Sie Aphrodite in eine Zukunft, die sich wohl niemand so wünscht! Hier ein Auszug aus dem Buch:

Auf Jobsuche

Aphrodite schlägt die Augen auf. Im ersten Augenblick ist sie entsetzt. Es muss eine riesige Kakerlake sein, die auf der schmutzigen Decke über ihr entlang läuft. Es dauert auch dann noch eine geraume Zeit, bis sie endlich begreift, wo sie überhaupt ist, wer sie sein soll, wo und in was für einer Welt sie sich befindet. Langsam kommt alles wieder zusammen. Es ist der blanke Horror für sie.

Erste grundsätzlich niederschmetternde Erkenntnis für sie: Es ist schlimmer als die Steinzeit auf dem Planeten der Frauen! Die Macho-Männer hier sind der blanke Horror! Alles ist nur noch schrecklich!

Sie richtet sich etwas auf und belehrt sich: Ich bin noch keinen vollen Tag hier und beurteile meine Lage jetzt schon so negativ. Klar ist mir auch, ich muss mich mehr auf das Positive konzentrieren. Positiv ist: Ich bin definitiv zurück auf der Erde. Mond und Sterne sind wieder da. Es wird hier sicher besser sein, als der erste Eindruck vermuten lässt.

Zielstellung: Schluss mit der Prostitution! Sie verkauft sich hier nicht an die Männer. Also ein sauberer Job muss her! Es muss auch einen Weg geben, dass sie vielleicht doch nicht zu den Unsterblichen muss. Die Gefahren für sie sind kaum zu kalkulieren. Der alten Frau muss sie auch helfen können, ohne sich zu prostituieren. Was sie über die Unsterblichen erfahren kann, erfährt sie vielleicht auch über zurückgekehrte Frauen.

Mit diesem Vorsatz steht sie endlich auf. Im Schrank findet sie ein schönes Sommerkleid. Nur frische Unterwäsche findet sie nicht. Sie erinnert sich, die echte Aphrodite Dolores Montes trug tatsächliche keine Unterwäsche. Dann geht es eben ohne. Weil sich in der oberen Etage weder eine Toilette noch ein Waschbecken befindet, geht sie nach unten. Auf Zehenspitzen erreicht sie das Zimmer der Mercedes Montes, ihrer neuen Mutter. Die alte Frau schläft in ihrem Sessel. Verlässt sie nie ihren Platz?

Der Roboter steht an der Wand und lädt wohl seine Akkus auf. Noch hat er Aphrodite nicht bemerkt. Leise zieht sie sich zurück. Eine Tür weiter entdeckt sie ein Klo und ein Waschbecken, beides ist völlig verdreckt. Was leistet hier eigentlich der Roboter? Sterbehilfe? Ihr bleibt nur noch das Meer. Allein das Waschbecken zu säubern, würde Stunden dauern. Dazu hat sie keine Lust. Der Atlantik vor der Haustür kann ihre Rettung sein.

Auf der Straße herrscht beklemmende Stille. Nur die Brandung und der Wind sorgen dafür, dass die Stille für sie erträglich ist. Der Weg zum Strand ist nicht weit. Mit einem Handgriff fällt ihr Kleid und nackt springt sie ins Meer. Hier im Flachwasser gibt es sicher keine Haie, schon gar keine Meeresmonster wie auf dem weiblichen Planeten. Mutig wagt sie sich in tieferes Wasser. Sie genießt das warme Wasser und nennt ihren Zustand einfach nur herrlich! Das warme weiche Wasser ist wie ein zärtlicher Mann zu ihr. Wie lange das Meer ihr zärtlicher Geliebter war, weiß sie nicht. Irgendwann steigt sie glücklich aus dem Wasser. Nackt genießt sie die warmen Sonnenstrahlen. Am Strand oder auf der Straße findet sie keinen Menschen. Steht hier die Welt auf dem Kopf? Tatsache ist, dass sie sich die Zukunft der Menschheit ganz anders vorgestellt hat.

Nachdenklich streift sie sich ihr Kleid über. Das luftige Kleid ohne Unterwäsche bedeckt den Körper, ohne ihre weiblichen Reize zu verbergen. Dass sich die Brustwarzen auffällig abheben, stört Aphrodite doch. Soll sie zurück ins Haus und doch noch nach Unterwäsche suchen? Okay, ihre Doppelgängerin trug auch keine Unterwäsche. Sie muss sich anpassen. Dass sie so die Männer provoziert, muss sie in Kauf nehmen. Alle Frauen tun das sicher hier auf die gleiche Art und Weise. Überhaupt, es entscheidet ihre Bereitschaft zu ehrlicher Arbeit und nicht ihr Aussehen. Doch sie will erst noch nach ihrer neuen Mutter schauen, ob sie aufgewacht ist und ihre Hilfe braucht. Sie betritt das Haus und hört schon den Fernseher grölen.

Ihre Mutter keift: „Wo warst du schon wieder, Kind?“

„Ich war im Meer baden, Mutter“, erklärt Aphrodite, betritt gleichzeitig das Zimmer und sieht, wie Roboter Rudi ihre Mutter mit einem Löffel füttert.

Ihre Mutter schluckt den Brei herunter und bittet: „Tochter, kannst du nicht einkaufen gehen und mal was anderes zu beißen bringen, als das, was der sture Rudi immer heranschafft. Ich habe mal Appetit auf was Schönes.“

„Was soll das denn sein?“, fragt Aphrodite und denkt dabei nur an Schokolade. Doch Schokolade gehört doch nicht in die Tropen.

Die Mutter hat den letzten Rest vom Brei aufgegessen und Rudi putzt ihr den Mund sauber ab. Roboter Rudi ist kaum um die Ecke, als Mutter sie zu sich heranwinkt, ihr eine schwarze Plastikkarte zusteckt und sie gleichzeitig leise bittet: „Schokolade hätte ich gern. Versprich dem alten Olvego, ihm zwei Bier zu spendieren, dann begleitet er dich auch zum Spender. Okay.“

„Ich gehe schon, Mutter, versprochen“, erwidert Aphrodite und verlässt das Haus mit der für sie geheimnisvollen schwarzen Plastikkarte. Erst vor der Tür fragt sie sich, wie findet sie den alten Olvego und wo und was ist ein Spender? Sie will schon kehrtmachen, als ihr einige Häuser weiter ein alter Mann auffällt. Vielleicht ist das der gesuchte Olvego? Sie geht auf den Mann zu und fragt ihn kühn: „Hey, ich muss für Mutter Extras einkaufen, die ihr der Blechnapf, eben der Roboter, nicht bringt. Begleiten Sie mich zum Spender? Ein Bier ist für Sie auch drin.“

„Zwei Bier und du, schöne Aphrodite, darfst dich an meiner Begleitung erfreuen“, erwidert der alte Mann grinsend.

Aphrodite nickt und ist sich sicher, dass es der besagte alte Olvego sein muss, von dem Mutter gesprochen hat und fragt: „Können wir gleich losgehen? Ich habe noch viel heute vor!“

Der Alte nickt zustimmend und sie gehen los. Sie gehen schon gute fünf Minuten und Aphrodite fragt sich, wo man hier einkaufen kann. Nirgends sieht sie einen Supermarkt. Der alte Mann geht zielstrebig auf ein zwei Meter hohes und über zehn Meter im Durchmesser kreisrundes silberglänzendes Objekt zu. Darüber befindet sich eine gläserne flache Kuppel, die wohl sicherstellt, dass auch bei starkem Regen jeder an dem Objekt Schutz findet. Das Teil steht in einer Häuserlücke und wirkt dort wie ein Fremdkörper. Was ist das? Ist das womöglich der Spender?

Der alte Mann bleibt vor dem Objekt stehen und verlangt: „Ich will nur helles Bier. Nicht diese dunkle Brühe, die gerade wieder in Mode ist!“

Fassungslos bleibt Aphrodite vor dem Ding stehen. Sie sieht nur kreisrunde Löcher und andere Vertiefungen im Objekt. Ein Roboter Typ Rudi hantiert dort schon ein paar Schritte entfernt. Doch sie sieht nicht genau, was er tut. Verlegen bittet sie den alten Mann: „Ich war noch nie einkaufen. Unser Rudi hat immer alles für uns besorgt.“

„Das ist typisch für euch Weiber. Immer verlasst ihr euch nur auf uns Männer und auf die Blechkisten. Kein Wunder, dass euer Verstand nur in den dicken Möpsen stecken soll. Wobei du ja genug abgekriegt hast. Hat bei dir leider auch nicht geholfen. Okay, gib mir schon die schwarze Karte und sag mir, was du deiner Mutter an Extras mitbringen sollst. Denn mit der Karte kannst du alles ordern.“

Aphrodite gibt ihm die Karte und sieht staunend zu, was der alte Mann damit anstellt. Er steckt die Karte in einen Schlitz. Daraufhin taucht ein kreisrunder Bildschirm auf, der gut einen Meter im Durchmesser groß ist. Unzählige Symbole sind zu sehen. Er drückt zielsicher auf ein Symbol mit Wellen. Ein neues Bild mit vielen Getränken tut sich auf. Bei einer Bierflasche verharrt sein Finger. Dann erscheinen neue Symbole und dort entscheidet er sich für eine Biersorte. Er hat jetzt wohl eben seine zwei Bier geordert. Er dreht sich zu Aphrodite um und fragt: „Was soll ich für dich kaufen?“

„Schokolade, Schokolade will Mutter. Gute Schokolade!“, erklärt Aphrodite.

Er nickt und der Bildschirm wechselt sein Bild. Schnell hat er Schokolade gefunden und erklärt ihr: „Ich kann nur das Maximum von fünfhundert Gramm Schokolade bestellen, weil nicht mehr in einem Monat für zwei Personen geliefert wird!“

„Ist schon Okay, bestell das Maximum!“, bestätigt ihm Aphrodite.

Der alte Mann nickt und bestellt: „Dann ist euer Kontingent für Schokolade diesen Monat aber auch ausgeschöpft. Hast du sonst noch Wünsche?“

„Weiß nicht. Mutter will nur Schokolade“, bestätigt Aphrodite.

„Und du, mein schönes Kind, hast du keine Wünsche? Die schwarze Karte hat nicht jeder und du hast sie sicher auch nicht jeden Tag dabei.“

Aphrodite überlegt und meint nur: „Haben sie hier auch gesalzene Haselnüsse im Angebot?“

Der alte Mann nickt nur und muss eine Weile suchen, bis er ihre Bestellung aufgeben kann. „Dauert einen Moment.“

Aphrodite sieht wie ein neuer Roboter Typ Rudi an das Objekt herangeht und seinen Einkauf tätigt. Der ist aber deutlich schneller mit dem Bestellen als der alte Mann. Aphrodite sieht, dass der Roboter nur seine Hand in ein Loch steckt und Sekunden später werden schon die Bestellungen geliefert. Aus dem Roboter kommt eine Halterung hervor und beladen rollt dieser mit seinen Einkäufen davon.

Vor ihnen öffnet sich eine Klappe und in einem Korb liegen Schokolade, eine große Packung gesalzene Haselnüsse und die zwei Flaschen Bier.“

Und damit zu den fünf aktuellen Angeboten zum Sonderpreis.

Erstmals 1991 veröffentlichte Jürgen Leskien im Verlag Neues Leben Berlin den Tagebuchroman „Einsam in Südwest“ – Aus dem Nachlass des Eisenbahners Hermann Köppen, Beamter an der Strecke Swakopmund – Windhuk, Südwestafrika: Das ist ein Tagebuch, geführt von Januar 1894 bis Ende 1949. Geschrieben wurde es von dem Eisenbahner Hermann Köppen, einem Deutschen. Geschrieben aber wurde dieses Tagebuch nicht in Deutschland, sondern in Deutsch-Südwestafrika, wohin der junge Mann Ende des 19. Jahrhunderts auswandert. Sesshaft wird er auf der Bahnstation Vogelgrund, heiratet zweimal, bekommt Kinder, einen Sohn und eine Tochter, auf die er glaubt, stolz sein zu können. Und lange Zeit scheint auch alles gut zu gehen. Dann aber ändert sich nicht nur im Süden Afrika vieles, sondern auch in Europa, in Deutschland. Diese Veränderungen in Deutschland wirken sich auch auf Afrika und auf Köppens Familie aus. Deutschland ruft. Wie wird sich Hermann Köppen entscheiden? Und wie ergeht es seinen beiden Kindern? Und was ist am Ende seines Lebens aus seinen Träumen geworden? Und so lesen sich die ersten Einträge:

ERSTES BUCH

Der erste Tag nach meinem Erwachen

Ich weiß nicht, welches Datum wir heute schreiben und wie lange ich geschlafen habe.

Es ist sehr heiß, obwohl es nur wenige Meter bis zum Meer sind. Unter den angeschwemmten Sachen, die die Eingeborenen in die Hütte getragen hatten, wo sie mir mit Gesten bedeuteten, dass dies alles mir gehöre, fand ich ein Heft mit festem schwarzem Deckel. Wie durch ein Wunder steckten die Stifte noch in meiner Jackentasche, auch der silberne Drehbleistift, den mir Vater nach der Gesellenprüfung geschenkt hatte, gekauft vom Ersparten.

Die Schwarzen machen mir angst, aber sie geben mir Fisch zu essen und klares Wasser zu trinken, überall bloße Brüste, und das andere ist auch nur spärlich bedeckt. Ich werde meine Beobachtungen in dieses Heft schreiben. Wenn man mich verschleppt, bleibt vielleicht das Heft erhalten und trägt zu meiner Rettung bei.

Ich kann nicht glauben, dass es Mutter nicht mehr gibt und Vater ertrunken sein soll. Ich sehe noch Mutters erhobenen Arm. Die Planke war zu klein, um uns alle zu halten. Aber wenn die Fischer mich noch rechtzeitig gefunden haben, warum dann nicht auch Mutter und Vater und all die anderen der Nanny.

Der zweite Tag nach meinem Erwachen

Seit dem frühen Morgen herrscht unter den Schwarzen große Aufregung. Ein alter Mann hat meinen Leib befühlt und dabei ununterbrochen vor sich hin gemurmelt. Zwei Frauen haben dann meinen geprellten Rücken mit klebrigem Fett eingerieben. Als sie fertig waren, musste ich mich übergeben. Ich fühle mich sehr elend und möchte nur schlafen.

Ob die Männer der Schutztruppe schon nach uns suchen?

[*] Januar 1894

Es ist sicher die Wahrheit, wenn Vater Tanneberg sagt, der Herr habe mir ein neues Leben gegeben, wie könnte ich sonst bei den Missionaren auf Obongo sein.

[*] Januar 1894

Vater Tanneberg sah, wie ich im schwarzen Heft schrieb. Er lobte mich und meinte, ich solle es ruhig zur Gewohnheit werden lassen, für die, die nach uns hier sein werden, denn wir stehen noch ganz am Anfang. Von nun an werde ich das Wichtigste vom Tage notieren und auch sonst alles zusammenhalten, was von unserem Leben auf neu gewonnener Scholle kündet. Ich sehe es auch als meine Pflicht nach dieser wundersamen Rettung.

Sie sagen, einem jungen Mann in meinem Alter, mit dieser eisernen Gesundheit, mit solch einem Beruf, dem ständen in Südwest alle Wege offen, wenn er sich nur rechtschaffen mühe. Sie müssen es ja wissen, die Leute um Vater Tanneberg, sie sind ja schon so lange hier.

Vater und Mutter war es nicht vergönnt, ich aber werde siedeln, hier mein Heim einrichten. Ein Haus aber später bauen, jetzt kann ich erst einmal bei Vater Tanneberg bleiben, in der Mission, sobald ich mich erholt habe, als Schmied nützlich sein. Trotz meiner siebzehn Jahre, denke ich.

Die Ausübung unserer Schutzherrlichkeit über so ausgedehnte, in unwirtlichen Regionen gelegene Gebiete, deren Einwohner ja wirklich keine besonders sympathischen Gefühle in uns Deutsche erwecken können, ist für uns eine kulturell hohe Aufgabe. So ungefähr Vaters Worte. Die dunkle Wohnung in der Kleiststraße war fast vergessen und auch die Sorge, in der Not Herbert vielleicht aus der Lehre nehmen zu müssen. Wir hatten alle an der Reling gestanden, Vaters Arm lag auf den Schultern der Mutter. Die Sonne stand tief, am Horizont zeichnete sich als schmaler Streif Land ab, von dem der Erste Offizier meinte, dass es Südwest sei. Dann kam der Sturm. Als lehnten sich fremde Götter gegen unsere Ankunft auf.

Aber Vaters Wort gilt, da ich die erste schlimme Heimsuchung überstanden habe.

Es ist richtig, wie der Mann vom Siedlerverein beim Abschied sagte, wir müssten es wagen, in unseren Schutzgebieten Pflanzstellen der Moral, der deutschen Gesinnung und des reinen christlichen Glaubens zu errichten.

Vater und Mutter konnten ihren Fuß nicht mehr auf Südwest setzen, aber ich werde in ihrem Sinne handeln. Ich werde siedeln und Vater Tanneberg und den anderen tapferen Deutschen helfen, den Schwarzen Glauben und handwerkliches Geschick beizubringen. Auch wenn uns noch nicht alle lieben können, wie Vater Tanneberg meint.

Ob Herbert schon von dem Unglück weiß?

[*] Januar 1894

Am Morgen zeigte mir Vater Tanneberg mein Zimmer, es wird noch hergerichtet. Er nahm sich trotz der vielen Arbeit Zeit, mit mir zu reden. Dabei erklärte er, dass es nicht richtig sei, ihn und Holländer Vater zu nennen, so bezeichne man ja wohl die katholischen Missionare. Sie seien aber, wie ich wisse, Angehörige der protestantischen Rheinischen Missionsgesellschaft, die korrekte Anrede wäre also Missionar und nicht Vater. Ich bat ihn, beim Vater bleiben zu dürfen, sehe ich ihn und Vater Holländer doch tatsächlich an des Vaters statt. Mein Wunsch schien ihn zu ehren, aber in der Öffentlichkeit, so bat er es sich dringend aus, solle ich diese Anrede tunlichst vermeiden …

Mit dem heutigen Tag nun habe auch ich einen Bambusen, sie nennen ihn Isaak.

Isaak ist dünn und lächelt immer, wenn ich ihn anschaue, obwohl er mindestens zehn Jahre älter ist als ich. Sein Gesicht erinnert mich an den ersten Schwarzen, den ich nach der Rettung am Strand erblickte.

Er setzt sich nicht zu mir an den Tisch, sicher sind ihm Tisch und Stuhl ganz und gar fremd. Ebenso fremd scheinen ihm Wasser und Seife, er riecht sehr streng, vor allem wenn er schwitzt. Seine Haut glänzt, sie scheint mir eingefettet. Isaak wohnt einen Kilometer entfernt, auf der Werft, wie die Schwarzen ihr Dorf hier bei der Missionsstation nennen. Ich habe mir das Afrika Hand-Lexikon bringen lassen und nachgeschaut. Nach der sehr breiten Nase und dem Amulett, das Isaak versteckt trägt, zu urteilen, ist er ein heidnischer Ovambo. Dabei sollen hier nur getaufte Hereros leben! Vielleicht gehört Isaak zu den Taufbewerbern?

Ich werde Vater Tanneberg bei der nächsten Gelegenheit danach fragen. Es gibt zu vieles, für das ich keine Erklärung habe. Will hoffen, dass Vater Tanneberg mit mir Geduld hat!

[*] Januar 1894

Vater Tanneberg gestattete mir in Schwester Ursulas Begleitung den ersten längeren Spaziergang.

Mein Besuch galt natürlich auch der Schmiede. Leider erwartete mich ein schlimmer Anblick. Die Schmiede selbst ein finsteres, stickiges Loch, in dem seit ewig wohl niemand gearbeitet hat. Der Amboss, mehr als eine Handbreit im Boden versunken, zum Dorn hin geneigt und schräg dazu, wie flügellahm, unterstrich die Trostlosigkeit.

Nur mit Mühe hatten wir das Tor geöffnet, es war niemand in der Nähe, der uns hätte helfen können, so musste Schwester Ursula ordentlich zupacken, aber es machte ihr nichts aus.

Ein Vogel strich an uns vorbei, suchte das Weite. Zwei der großen Zangen steckten noch im Kohlebecken, von Staub und Spinnweben bedeckt. Der Blasebalg, aus festem Ziegenleder, war seltsamerweise unversehrt. Einige der an den Wänden lehnenden Wagenräder, deren Reifen wohl irgendwann mal aufgezogen werden sollten, sind von Termiten zerfressen.

Schwester Ursula konnte sich nicht erinnern, wann hier je ein Pferd beschlagen worden war. Die Ochsenkarren repariere man schon lange in Omaruru, dort gebe es auch eine Wagenmacherei, das aber sei alles fast vierzig Kilometer von Obongo entfernt.

Der letzte Schmied, ein Hüne aus Potsdam, namens Friedhelm Kelch, sei über Nacht auf und davon, und sein Gehilfe, ein Ovambo, sei fünf Wochen später, als die Blutseuche unter den Schafen grassierte, in Panik nach Etjo geflohen. Dort habe er sich bald darauf verheiratet. Das habe sich begeben, bevor dieser Samuel Maharero mit dreihundertfünfzig Mann nach Obongo gekommen sei.

Als sich Schwester Ursula bückte, weil sich ein herumliegender Draht im Saum ihrer Tracht verhakt hatte, rutschte ihr das Tuch vom Kopf, und ihr schönes dunkelbraunes Haar fiel auf die Schultern. Ich musste staunen, wie jung sie noch ist!

Schwester Ursula bestand darauf, die Tür der Schmiede wieder ordentlich zu verriegeln, auch das Wagenrad, das umgekippt davor gelegen hatte, musste wieder an den alten Platz.

[*] Januar 1894

Vater Tanneberg rügte Schwester Ursula. Die Schmiede habe er mir selbst zeigen wollen, Erklärungen dazu seien notwendig. Ich vernahm die Schelte zufällig, als ich mir einen kleinen Topf Wasser holen ging. Weder Vater Tanneberg noch Schwester Ursula hatten mich in ihrer Nähe bemerkt. Wenig später kam Schwester Ursula hochrot in mein Krankenzimmer, um das Handtuch zu wechseln. Sie schlug die Augen nieder, als ich ihr meinen Gruß entbot, und verschwand sogleich wieder.

Am späten Nachmittag durfte ich mich in Vater Tannebergs Begleitung bis zum Fluss wagen. Zu meinem Erstaunen war das Flussufer, so weit ich sehen konnte, kahl geweidet. Die Unvernunft der Hereros und der Händler, erklärte mir Vater Tanneberg.

Als Schwester Ursula mir am Abend die Medizin brachte, fragte ich sie nach den Viehweiden am Fluss. Sie schien unentschlossen, darüber reden zu wollen. Dann aber sprach sie doch. Unsere Station sei im Grunde schuld an diesen kahlen Flecken, von denen der Wind schon die Krume weggetragen habe. Einige der getauften Hereros und auch so mancher Taufbewerber haben unter Zureden der Missionare das ursprüngliche Weiterziehen mit dem Vieh aufgegeben. Sie wollten die Glocken hören und sonntags die Predigt, dazu aber musste man sesshaft werden, was sich die Missionare von ihren Schäfchen eigentlich wünschten. Das aber war ein anderes Leben, ja, sie waren bald ganz und gar angewiesen auf die Arbeit für Lohn von der Station, wie der Schmiedegehilfe damals. Neuerdings fürchteten sie die Rinderpest, die vor Jahren schon so schlimm gewütet hatte, und sie blieben auch deshalb am liebsten im Schutz der Kirche.

Die Glocken hatten einen vollen Klang, ich konnte verstehen, dass die Viehtreiber sie gern hörten, aber ob man deshalb sein gewohntes Leben aufgibt?

Vor Sonnenuntergang kam Besuch. Mein Bambuse Isaak brachte mir in einem Käfig aus Gerten einen hellgrünen Vogel mit orangefarbener Brust und wunderschönem, glänzendem Gefieder. Er möge helfen, dass ich schnell gesund werde, gab Isaak mir zu verstehen. Der Vogel schrie entsetzlich, und ich glaubte nicht, dass wir Freunde würden, solange ich ihn gefangenhielt. Als der Bambuse aus dem Zimmer war, ließ ich den Vogel fliegen. Schwester Ursula belohnte mich mit einem Lächeln, von dem ich die ganze Nacht träumte.“

Erstmals 1971 erschien im Verlag Neues Leben Berlin „Mein elftes Schuljahr“ von Heinz Kruschel: Alle sind neu in diesem 11. Schuljahr. Innerhalb von drei Jahren werden sie ihr Abitur machen und dazu noch die Prüfung zum Chemiefacharbeiter. Dette gehörte mal zur Spitze in seiner Klasse, aber jetzt scheint es, als gäbe er sich mit der Drei, der Eins des kleinen Mannes, zufrieden. Doch den Ton in der Klasse gibt die selbstbewusste Rikki an, die Dette nicht ausstehen kann. Aber immer wieder taucht ihr Name in seinem Tagebuch auf. Schauen wir einen Augenblick auch in dieses Tagebuch:

18. September

Deutsch. Es ging in der Diskussion um eine philosophische Frage. Der dicke Fleischer äußerte dazu eine ulkige Meinung: „Nathan ist weise, weil er so lebensfremd war.“

Ich meldete mich und sagte: „Das ist völlig falsch, absurd ist das …“ Vielleicht war das ein bisschen schroff.

Klebach wies mich zurecht. Ich solle zunächst daran denken, dass der Mensch neben mir recht haben könnte, bevor ich ihn abqualifiziere. Ich solle meine Meinung gründlich untersuchen, ehe ich eine Gegenbehauptung aufstelle. Behauptung kontra Behauptung, was solle denn das werden? Der Beweis sei gültig.

Ich habe Klebach nichts getan, aber er hackt auf mir herum, ich begreife ihn nicht. Ich melde mich selten. Fleischers Meinung war wirklich falsch, das stellte sich noch heraus. Ich hätte das ja auch erklären können, Klebach aber ärgert mich blass und blau wegen einer Behauptung. In jeder Stunde stellen andere auch Behauptungen auf und werden nicht vor der Klasse abgekanzelt. Ich bin wütend auf Klebach.

Nachmittags fuhren Fleischer und ich zusammen mit der Straßenbahn in die Stadt zurück. (Mein Fahrrad hat einen Platten.) Ich sagte: „Tut mir leid, ich wollte dich nicht kränken …“

Er griente. „Lass dir keinen Bart drum wachsen. Ich habe gewusst, dass meine Antwort falsch ist, ich habe das sogar vorher gewusst.“

Ich staunte.

„Ja. Ich rede immer, ich melde mich auch dann, wenn ich nicht die richtige Antwort weiß. Man muss nur immer aktiv sein und eine lange Brühe um etwas machen, weißt du. Die Mitarbeit zahlt sich in Noten aus, auch dann, wenn die Antworten falsch sind, Erfahrungssache.“

„Besuch mich doch mal, Dicker, ich möchte dir nicht gleich wieder meine Meinung sagen. Oder ich besuche dich, wenn du willst.“

„Lieber nicht.“

„Warum nicht?“

„Ich habe kein eigenes Zimmer. Und mein Vater hockt nur vor dem Fernseher und wird grantig, wenn er gestört wird. Der sieht sich alles an: Ratschläge für die Eltern, Pittiplatsch und sein Blabla, Reportage, Fernsehspiel, Singelieder, Aktuelle Kamera. Reden kann der gar nicht mehr richtig. Er braucht nur noch so viel Wörter, wie zum Leben unbedingt notwendig sind, ich meine zum Essen, Trinken und Schlafengehen. Manchmal hält er mir eine Predigt, wenn ich was angestellt habe, aber dann denke ich mir: Rede du nur, Alter, wenn ich dir meine Meinung sagen würde, würdest du platzen, rede dich ruhig aus …“

„Und deine Mutter?“

„Die schaut nur auf ihren Mann und tut, was er will, und sagt, was er denkt.“

Schlimm so etwas.

[*] September

Mit meinen Eltern ist das ganz anders. Mit Mutter kann ich völlig gleichberechtigt reden. Sie hat nur Bange, ich könnte schon mit „Mädchengeschichten“ kommen. Aber da kann sie beruhigt sein (siehe Hanne).

Und Vater? Bis vor wenigen Jahren war ich noch der Meinung, mein Vater sei unfehlbar. Er ist Direktor einer Schule. Auch heute denke ich noch: Du kommst mir mit deiner Erfahrung, deinem großen Wissen, deinem geschulten Verstand, deiner Dialektik, du zerschneidest rasch mit deinem philosophischen Skalpell das, was ich mir mühsam herangezüchtet habe. Ich rede und streite, aber ich kriege selten recht, er hat meistens die besseren Argumente. Ich habe auch schon gemerkt, dass er es gewohnt ist, recht zu haben. Ein Direktor ist eine Autorität, dagegen kommt man nicht an.

Ich achte ihn, aber ich wünschte mir, er würde auch mal zugeben, nicht allwissend zu sein. Denn von Autos versteht er nicht so viel wie ich.

Einen Fernseher haben wir natürlich, aber der flimmert ziemlich selten, wir haben alle unsere Beschäftigungen und unsere Probleme. Mutter (Kindergärtnerin), der kleine Dan, der je Woche zwei Bücher liest und über jedes lange diskutieren will, Vater mit seiner Schule und ich, na ja, wir brauchen uns alle gegenseitig in der Familie. In dieses Buch schreibe ich es: Beispiele sind Vater und Mutter schon für mich. Das würde ich ihnen nie sagen, das wäre kitschig und würde schmecken wie obergäriger Wein. Ich bin, auch das muss ich schreiben, fortschrittlich erzogen worden. Meine Eltern sind beide in der Partei.

[*] September

Vieles ist eine Wiederholung. In Physik Wärmelehre. English for you, Lesson one. Begriff der Kybernetik, Spieltheorie. Im Labor stellen wir Lösungen verschiedener Konzentrationen durch Verdünnen und Mischen her, Suspensionen und Emulsionen. Das weiß man doch noch von der polytechnischen Oberschule. (Fräulein Kunze: „Sie brauchen Kenntnisse über die wichtigsten Grundoperationen der chemischen Technik sowie Fähigkeiten und Fertigkeiten im Rahmen dieser Grundoperationen. Sie sollen selbstständig und verantwortungsbewusst an Aggregaten arbeiten, Zusammenhänge erkennen lernen, Schlussfolgerungen ziehen. Das ist Kleinarbeit. Ohne Kleinarbeit geht es nicht.“) Sie redet immer so trocken, weise und wahr.

Vorschläge für die Wahl der FDJ-Leitung: Fips Hauer, die braune Ricarda, dann Marlene Kurzgut, deren Vater ein berühmter Schachtbauer ist, Nationalpreisträger sogar, und Ete Naumann, der perfekt Gitarre spielen kann. „Einen aus der Stadt bitte noch!“ Ich machte mich klein und wurde prompt vorgeschlagen, von dem dicken Fleischer natürlich.

Aber ich lehnte ab. Eltern berufstätig, kleiner Bruder, um den ich mich kümmern müsse. Ob sie mir glaubten, dass ich keine Zeit hätte? Jedenfalls wurde Heike Sommer gewählt.

Es ärgerte mich, dass sie so schnell einen anderen Vorschlag hatten … Hätte man mich gebeten …

Auf dem Kalender steht heute ein Satz von Kljutschewski, einem russischen Historiker: „Den Lehrern ist das Wort nicht dazu gegeben, um das eigene Denken einzuschläfern, sondern um das fremde zu wecken.“ Das tun unsere Lehrer, besonders Klebach. Bei aller Kritik, das muss ich ihm zugestehen. Dieses Steckenpferd reitet er mit Vergnügen. Aber nicht zu unserem Vergnügen.

[*] September

Ricarda scheint nur aus Prinzipien zu bestehen. Sie hatte eine Auseinandersetzung mit Heike Sommer, die ihre Hausaufgabe vor Beginn des Unterrichts von Hauer abgeschrieben hatte. Du liebe Güte, Moralin war das. Kann doch jedem mal passieren. Heike wurde knallrot, so verlegen war sie, so peinlich war ihr das, immerhin ist sie ja in der Gruppenleitung.

Heute Mittag wollten wir alle schnell in die Mensa der Ingenieurschule (da essen wir), aber zwei Reporter mit Mikrofon hielten uns im Gang auf und fragten: „Seid ihr stolz darauf, Deutsche zu sein?“

War heute schon der elfte Elfte, elf Uhr elf?

Solche Frage auf nüchternen Magen. Alle hatten wir Hunger, dachten an Nudelsuppe oder an Roulade mit Rotkohl, sieben Stunden Unterricht lagen hinter uns, und dann so eine Gewissensfrage. Die Antworten waren entsprechend. „Na klar.“ – „Indianer wäre mir lieber.“ Ricarda sagte unwillig zu einem Reporter: „So geht das nicht. Das ist keine Frage, auf die man in einem Satz antworten kann.“

Das stimmte, ich hörte zu, wie Marlene sagte: „Es gibt wohl Deutsche und Deutsche, nicht wahr? Wie wäre es, wenn sie zu unserer FDJ-Versammlung kämen? Haben Sie Lust?“

Der eine Reporter sagte: „Lust, wenn es danach ginge. Übermorgen soll eine Seite zu dem Thema gemacht werden, da müssen wir die Meinungen im Kasten haben.“

Der andere Reporter aber sagte: „Das muss zu machen sein. Es ist besser, eine solche Frage auszudiskutieren.“ Am Abend erzählte ich Vater und Mutter alles. „Wenn sie kommen sollten, dann redet gefälligst nicht wie die Transplakate“, meinte Vater.

„Worauf du dich verlassen kannst.“ Eine Belehrung hat mein alter Herr immer parat oder wenigstens einen Hinweis, das ist nun mal sein Metier. Nieder mit dem Zeigefinger!

[*] September

Die Wahl ging schnell und unbürokratisch vor sich. Alle vorgeschlagenen Kandidaten kamen in die Leitung. Ricarda leitet unsere Gruppe, das unterstützte auch Klassenleiter Klebach.

Dann schalteten die Reporter ihre Geräte ein und sprangen von einem zum andern, um die geäußerten Meinungen einzufangen. Sie kamen ins Schwitzen und mussten sich sputen, wir waren ganz schön in Form.

Der Waldi Hängebarth, der täglich in Anzug und Binder zur Schule kommt, begann. Er empfinde keinen besonderen Stolz, meinte er, das sei eben so, ändern könne und wolle er daran nichts.

„Das ist Fatalismus“, sagte Fips zu ihm. Waldi zuckte mit den Schultern. Bin ich eben Fatalist, schien er zu denken, leckt mich am Ärmel.

„Fatalismus ist schlimmer als Böses tun“, sagte Ricarda, „Fatalismus ist Böses dulden.“

Das waren für Waldi böhmische Dörfer, aber recht hatte Ricarda, obwohl das ziemlich aufgebläht klang.

Ete Naumann wollte seinen Beitrag von einem Zettel ablesen, aber das lehnten wir ab, da verzichtete er auf seine Wortmeldung. Dann kamen die Reporter zu mir, was sollte ich machen, drücken wollte ich mich nicht, aber blamieren auch nicht.

Ich sagte: „Es gibt für mich viele Gründe. Goethe, Einstein und Beethoven, Marx und Heine und Thälmann. Aber ich bin nicht stolzer auf mein Land als ein Ungar auf Ungarn oder als ein Pole auf sein Heimatland.“

„Amen“, sagte Waldi.

„Sie interessiert das ja nicht, Herr Kollege Wassersemmel“, sagte ich zu ihm.

„Was heute ist, interessiert mich schon. Für die Vergangenheit kann ich nichts.“

„Kann man es sich so leicht machen und sagen, das gehe uns nichts an, weil wir später geboren sind und heute hier leben …?“, fragte Ete.

Auch Ricarda griff mich an. „Du bist also nur stolz, weil es eine positive Vergangenheit gibt? Aber so war es doch gar nicht, es gab den Faschismus. Bist du nur auf die Leistungen der Großen stolz, die auf den Denkmalsockeln stehen?“

„Natürlich“, sagte Heike Sommer, „du etwa nicht?“

„Schon, aber …"

„Dabei gibt es natürlich Deutsche und Deutsche“, sagte ich rasch, weil ich fühlte, dass meine Antwort nicht ausreichend war, „es gab den Müntzer und deutsche Grafen, die ihn zu Tode brachten. Es gab Heine und deutsche Fürsten, die ihn hetzen ließen. Es gab Thälmann und deutsche Faschisten, die ihn ermordeten. Alle waren sie Deutsche, die Getöteten und ihre Mörder. Sollen und können wir da auf alle Deutschen stolz sein? Auf Deutschland? Es kommt darauf an, wer in wessen Augen Deutschland repräsentiert …“

Firsow ergänzte: „Darum können wir die Frage nicht mit einem pauschalen Ja beantworten, nicht wahr? Auf die Traditionen Müntzers, Heines und Thälmanns sind wir stolz. Auch darauf, hier zu leben, wo die Mörder Thälmanns, die Generale Hitlers und die Freunde der ausländischen Faschisten aller Schattierungen nichts zu suchen haben.“

„Ihr redet geschwollen“, sagte Waldi.

„Stimmt. Große Worte über selbstverständliche Dinge“, sagte Ete. Er war noch verärgert, weil er seine ausgearbeitete Rede nicht losgeworden war.

„Können wir das nicht löschen?“, fragte Fleischer.

„Wir wollen nichts Geschminktes“, sagte ein Reporter und wischte sich die nasse Halbglatze ab.“

Erstmals 2013 präsentierte der BS-Verlag Rostock „Schwerwiegendes, Gewichtiges, Unwichtiges, Ernst und Spaß, für jeden was“ von Rudi Czerwenka: Der Autor schreibt Erlebtes und Gehörtes, von gestern und heute, über Hinz und Kunz, über Wahrheit und Lüge, über Krieg und Wende, Geschichte, die nur Geschichte sind, sowie Gedichte, die das Leben so schreibt. Und natürlich kommt auch Goethe vor – zumindest eines seiner wahrscheinlich berühmtesten Gedichte, welches in diesem Ausschnitt vom Verfasser nach allen Regeln der Kunst literarischer Interpretation auseinandergenommen wird:

Der „Erlkönig“

Ich wuchs mit ihm auf, denn er gehörte zu den Lieblingsversen meiner Mutter. Ich konnte ihn fast auswendig, bevor ich selbst lesen lernte. Ich sprach die Strophen so vor mich hin, wenn ich unter den dickköpfigen Weiden am Bach lag und dabei total vergaß, dass ich eigentlich Gänse hüten sollte. Ich liebte den „Erlkönig“ einfach so.

Das änderte sich, als ich mich anschickte, zur Schule zu gehen und zu studieren, ausgerechnet Germanistik. Ich erfuhr von den Mechanismen der Interpretation literarischer Werke.

Die Erfinder der Interpretation waren vermutlich die alten Griechen oder andere nichtbarbarische Barbaren. Sie töteten ein Lamm, zerlegten es, besahen vor allem die Gedärme und schlussfolgerten daraus, ob sie den nächsten Krieg gewinnen würden oder lieber darauf verzichten sollten.

Daraus lernte man, auch in Europa, wobei man besagte Schafe am Leben hielt, um diese dann selbst, verkleidet und geadelt und gekrönt, über die Zukunft der Dynastien entscheiden zu lassen.

Wir waren tierlieb geworden, schlachteten nur noch zu Esszwecken.

Wir schlachten lieber Gedichte. Wir wissen nämlich, dass ein Poet bildhaft denkt und ebenso bild- also rätselhaft schreibt, und dass man das alles erst einmal entschlüsseln muss.

Solche Interpretationen sind mehrfach nützlich. Zum einen bieten sie jedem, auch wenn er das besprochene Werk gar nicht gelesen hat, demokratische Angebote zum Mitdiskutieren.

Zum anderen ersparen sie eigene geistige Anstrengungen und lassen die Köpfe frei für die Lösung wichtiger Alltagsfragen, von Kaufhauskatalogen oder von Kreuzworträtseln.

Zum Dritten fördern sie die Absatzgeschäfte der Großverlage, besonders dann, wenn das betreffende Werk als besonders negativ oder positiv erklärt wird und auf der selbst geregelten Bestsellerliste nach oben rückt.

Und schließlich hat die Interpretation im Zeitalter der Arbeitslosigkeit einen neuen Berufsstand hervorgebracht, den der Literaturkritiker und ihrer Päpste.

Doch genug der Theorie. Wenden wir uns der Praxis zu, im vorliegenden Fall, dem „Erlkönig“.

Beginnen wir mit der Überschrift.

Goethe spricht vom Erlkönig. Herder jedoch, von dem Goethe den Stoff übernommen hat, vom Elfenkönig.

Unsere durch Interpretationserfahrungen geschulten Gehirnwindungen beginnen zu rotieren.

Erstes Fazit: Goethe hat sich auf unredliche Weise bereichert. Doch er kam dabei ungeschoren davon, denn er war Minister, und das hatte damals einigen Wert, im Gegensatz zu heute.

Herder jedenfalls verzichtete auf Einspruch, denn Goethe hatte ihm außerdem in Weimar einen Posten verschafft und sogar den Adelstitel. Eine Hand wäscht die andere.

Es kann aber auch sein, dass Goethe die dänische Sprache nicht beherrschte, dass er die Erlen mit den Ellern verwechselte, dass er also billigen … Doch genug davon.

Widmen wir uns dem Werk.

Der erste Satz beginnt mit einer Frage: „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?“

Warum fragt Goethe den Leser, der das Gedicht noch gar nicht kennt? Das ist ihm selbst vermutlich auch sofort aufgefallen. Deshalb bringt er gleich die Antwort – und weil es sich so schön reimt.

Aber damit verschenkt er die Chance auf eine spannende Story.

So könnte man Zeile für Zeile durchwandern und den „Erlkönig“ auseinandernehmen.

Doch kommen wir zum Ende, zur Schlussaussage.

Das Kind stirbt, der Vater bleibt am Leben. Kein Wort fällt über die amtlichen Ermittlungen zur Todesursache des Knaben. Das könnte heutzutage bei unseren fleißigen Staatsanwaltschaften nicht passieren. Für wen steht der Junge überhaupt? Ist er ein naives, vom Bildungssystem vernachlässigtes Wesen oder ein Dickkopf, der sich über alle familiären und gesellschaftlichen Warnungen hinwegsetzt?

Warum reitet der Vater nach Hause und nicht zum Arzt oder Psychologen?

Wir wissen es nicht. Wir erfahren es auch nicht, obwohl dies für eine umfassende Analyse des Geschehens wichtig wäre.

Oder der Vater. Er reitet zum heimatlichen Gehöft. Doch woher kommt er? Aus einem Lokal mit einem durch Alkoholgenuss getrübten Verantwortungsbewusstsein? Oder von einer Geliebten, körperlich wie geistig total ausgelaugt? Oder von einer durch Steuergelder finanzierten Dienstreise?

All das und noch mehr wäre interessant und ruft nach wissenschaftlicher Erklärung.

Oder die Mutter, die mit keinem einzigen Wort erwähnt wird, warum kümmert sie sich nicht um ihr anscheinend erkranktes Kind? Was treibt diese Frau währenddessen?

Der „Erlkönig“ hat acht Strophen zu je vier Versen und besteht aus etwa 200 Wörtern.

Das alles kann interpretiert werden und bietet Vollbeschäftigung für den Fachmann. Wem das zu wenig ist, der nehme sich Schillers „Glocke“ vor. Auch der ist tot und kann sich nicht dagegen wehren.

Wer da behauptet, ein Gedicht wäre ein Kunstwerk, der irrt. Kunst allein ist, es zu interpretieren, zu fleddern.

Wem das leidtut, der enthalte sich jeglicher analytischer Betrachtungen und Beurteilungen literarischer Werke, der lese und genieße die Balladen und Verse selbst — und träume, auch ohne Kopfweiden und Gänsehüten.“

Erstmals 2014 brachte Karina Brauer im Eigenverlag ihr Buch „Königs Kind“ heraus: In ihrem dritten Roman „Königs Kind“ beschreibt die Autorin die Geschichte von Navarana und deren Familiengeschichte und -geschichten. Schon früh lernt das Mädchen, das meist nur Nava genannt wird, dass das Leben der Erwachsenen aus vielen Geheimnissen besteht. Sie ist anfangs fasziniert davon, dass ihr einige Geheimnisse anvertraut werden. Bald erkennt es jedoch, dass das Bewahren eines Geheimnisses auch belastend, sogar gefährlich sein kann. Als Navarana selbst einem Geheimnis auf die Spur kommt, ändert sich ihr Leben dramatisch. Plötzlich wird es für sie bedrohlich. Wem kann sie da noch (ver-)trauen? Auch in diesem Roman erzählt die Autorin Geschichten, die deutsche Geschichte nachvollziehbar machen, die aber auch zeigen, wie sehr Vergangenheit bis in die Gegenwart wirkt und das Leben beeinflusst. Es folgt eine Art Selbstvorstellung der literarischen Heldin mit dem ungewöhnlichen Vornamen:

1. Kapitel

Ich bin Königs Kind. Peter Königs Kind.

Und ich war einmal so wahnsinnig stolz auf meinen Familiennamen. Überall erzählte ich nur allzu gerne, dass ich ein Königskind sei. Die Erwachsenen lachten meist gütig darüber. Kinder sahen mich zunächst immer erstaunt und manchmal auch neidisch an, dann zeigten mir die meisten aber einen Vogel. Lange, sehr lange brauchte ich, um herauszufinden, wer ich wirklich bin und was es bedeutet, Königs Kind zu sein.

Mein Name ist Navarana, Navarana Maria. Da gibt es nichts zu staunen oder zu wundern! Es ist sicher ein seltsamer, seltener Vorname – also Navarana – aber daran kann ich nichts ändern, ich will es auch nicht und außerdem gibt es schließlich eine ganze Menge Gründe, warum ich diesen Namen erhielt. Wie ich nun zu meinem ersten Vornamen, meinem Rufnamen kam? Das ist ganz einfach! Es war der Wunsch meines Großvaters mütterlicherseits und meine Mutter entschied, dass das der schönste Name für ihr Kind wäre. Meinen Vater hat dabei augenscheinlich niemand gefragt. Kaum jemand verwendet den Namen Navarana. Nur Großvater Friedrich, der tat es immer, wenn wir uns sahen. Mich nannten alle, seit ich denken kann und sicher auch lange davor nur Nava. Den zweiten Namen erhielt ich, weil auch meine Mutter Maria als weiteren Vornamen trug, aber vor allem, weil die Eltern mich taufen ließen und es dabei wohl üblich war, mehrere Vornamen zu besitzen. So erzählte es mir meine Mutter jedenfalls einmal. Ja, ich wurde getauft! Und das mit der Taufe war nun wieder der Wunsch von Mutters Mutter. Meine Taufe war bereits zehn Tage nach meiner Geburt. Sie hatten es damals so eilig, dabei waren doch längst die Zeiten hoher Säuglingssterblichkeit vorbei. Nun, eigentlich war es damals sowieso kaum noch üblich, die Kinder so schnell, ja sie überhaupt zu taufen. Dazu gibt es die Geschichte, dass meine Großmutter mütterlicherseits, die damals praktisch neben dem Grundstück des Pfarrers wohnte, meine Taufe sozusagen aus Dankbarkeit dem evangelischen Geistlichen gegenüber veranlasste. Nun, ob dies stimmte, ich kann es nicht sagen. Allerdings ist es ziemlich eindeutig gewesen, warum Mutters Mutter, meine Großmutter Agnes, darauf bestanden hatte, dass ich an einem Sonnabend im November 1961 in ihrer Wohnung durch Pastor Ampler getauft wurde. Der Grund dafür war schlichtweg simpel und auch gemein: So konnte sie eine Taufe in der Kirche verhindern, denn dort hätte sie Mutters Vater, meinem Großvater Friedrich, den Zugang und die Teilnahme nicht verbieten können. So aber hatte sie Hausrecht. Ganz gleich warum, ich wurde im Beisein meiner Großeltern mütterlicher- und väterlicherseits getauft. Nun, das ist so nicht ganz korrekt, denn Mutters Vater war ja nicht dabei. Aber Großmutter war schließlich verheiratet mit Hannes Kobald und der war natürlich auch mein Großvater. Dass ich drei Großelternpaare hatte, davon wusste ich doch damals noch nichts und ich habe es auch eigentlich lange als völlig normal hingenommen, dass dies so war. Erst später fiel mir auf, dass die meisten meiner Spielgefährten nur jeweils, wenn überhaupt, zwei Großmütter und Großväter hatten. Ich hatte mehr als die meisten anderen und das alleine gab mir damals das Gefühl, etwas Besonderes zu sein.

Ich hatte also drei Großelternpaare. Vaters Eltern – das waren meine Dorf-Großeltern Bernhard und Meta König. Sie hatten es aber lieber, wenn ich König-Großeltern sagte. Bescheidenheit war meinen Familienmitgliedern schon in frühester Zeit abhandengekommen. Ja, und dann besaß ich eben die doppelten Großeltern von Mutters Seite. Für diesen Großelternreichtum gab es jedoch eine ganz simple Erklärung: Großmutter Agnes und ihr erster Mann Friedrich waren geschieden worden und hatten dann – fast zeitgleich – wieder neu geheiratet. Gut, Letzteres war rein zufällig geschehen. So gehörte nun zu Oma Agnes der Opa Hannes und Großvater Friedrich lebte mit Großmutter Margarethe zusammen. Friedrich und Margarethe hatten auch gemeinsame Kinder. Paul, das war mein Onkel und Anne meine Tante. Onkel und Tante nannte ich beide jedoch nie, sie waren doch nur zehn und acht Jahre älter als ich.

Lustig fand ich als Kind immer, dass meine Mutter stets betonte, Paul und Anne wären ihre Halbgeschwister. Lange konnte ich das nicht verstehen, denn sie waren zum einen sehr groß gewachsen und zum anderen waren sie dies im ganzen Stück, also nicht nur halb.

Auch Onkel Siegfried, von dem ich lange annahm, dass er der Sohn von Agnes und Hannes war, war ebenfalls ein halber Bruder meiner Mutter. Siegfried musste ich immer Onkel nennen, er war schließlich schon 16 Jahre alt, als ich im Jahr des Mauerbaus geboren wurde. Und dann gab es noch eine Stiefschwester, also eigentlich waren es einmal zwei. Das konnte ich nun überhaupt nicht mehr verstehen. Halbgeschwister – ehrlich – das war schon komisch, aber nun auch noch Stief… Allerdings hatte ich anfangs auch immer „Schief“ verstanden. Nun, die Stiefschwestern meiner Mutter waren fort. Karla, die älteste Tochter meines Stiefgroßvaters Hannes (so war ja dann wohl seine korrekte Bezeichnung) lebte nicht mehr und Sybille hatte ein Jahr vor dem Mauerbau die DDR verlassen. Ihr war die große Liebe begegnet und der war sie gefolgt bis nach Afrika, nach Algerien. Hannes Kobalds erste Frau, also die Mutter von Karla und Sybille, war kurz nach Kriegsende verstorben. Die Flucht aus Danzig und die Trennung vom geliebten Ehemann hatten zu sehr an ihren Kräften gezehrt.

Ich war übrigens sehr froh, dass ich keine Geschwister hatte. Meine Angst war riesengroß, sie wären möglicherweise dann auch nur halb, vielleicht sogar wirklich nur in Hälften vorhanden, also nur Ober- oder nur Unterkörper oder aber sie wären schief oder stief. Es war schon alles verwirrend.

Der Tag meiner Geburt war ein besonderer – man schrieb den 9. November. Nicht unbedingt, weil es ohnehin schon ein geschichtsträchtiges Datum war und auch Jahre später noch werden sollte, sondern, weil eben ich geboren wurde, das sagten jedenfalls meine Eltern immer. Nun später grübelte ich des Öfteren darüber nach, ob sie es vielleicht nicht doch ironisch gemeint hatten.

Als meine Mutter, die Annike, feststellte, dass sie schwanger war, veränderte das das gesamte Leben derer, die später zu meiner Familie gehörten, ganz gewaltig. Gut, die Geburt eines Kindes verändert immer das Leben! Aber meine Mutter hatte sich doch gerade von ihrem Freund, also vom Kindesvater Peter getrennt. Diesen hatte sie Anfang Januar in jenem Jahr beim Tanz kennen gelernt. Anfangs war ja alles nett, war es wirklich süß mit dem jungen Mann vom Dorf. Nach ein paar Wochen jedoch langweilte er sie schon sehr. Peter König war eben irgendwann nicht mehr so toll und niedlich. Und der frischgebackenen Kindergärtnerin waren Knutschen, Kino und Klubhausbesuche eben zu wenig.

Fünf Tage nach der Trennung vom einfallslosen, spießigen Peter König stellte meine erst seit knapp drei Monaten achtzehnjährige zukünftige Mutter Annike Böhm jedenfalls fest, dass sie schwanger war. Außer sich vor Wut und völlig verheult soll sie ins Ledigenwohnheim gerannt sein, in dem Peter König lebte, und diesem dort die Nachricht über die ungewollte Schwangerschaft wie eine Keule an den Kopf geworfen haben. Dann hatten beide, die Kindergärtnerin und der Malergeselle, geheult. Im Gegensatz zu Annike weinte Peter jedoch vor Glück, denn nun sah er wieder eine Chance für sich und seine Liebe. „Dann heiraten wir eben“, schlug er der Annike vor. Nun, das passte eben wieder ganz zu seinem konservativen, spießigen Wesen. Meine Mutter, also meine zukünftige Mutter war erschrocken aufgesprungen und hatte dem auf dem Bett sitzenden Peter zugeschrien: „Nein, niemals! Lieber werf‘ ich mich vor den Zug!“ Dann war sie aus dem Zimmer gestürmt und nach Hause gerannt. Hier hatte sie den Eltern die schreckliche Neuigkeit gebeichtet. Wie erstaunt war die Achtzehnjährige, als diese zu jubeln und zu tanzen begannen. Doch noch bevor Annike ihre Eltern darüber aufklären konnte, dass sie doch den Kindesvater, den Peter, verlassen hatte, da klingelte es auch schon an der Wohnungstür und selbiger stand mit einem Blumenstrauß davor. Agnes, Hannes und Peter lagen sich alsbald glückselig in den Armen. Verzweifelt schaute Annike dem Treiben der drei, die da singend, eigentlich mehr grölend um den Tisch marschierten, zu. Als dann auch noch ihr kleiner Bruder Siegfried, der sie um einen Kopf überragte, die Nachricht erfuhr, da gab es im Hause der Familie Kobald kein Halten mehr. Peter König wiederholte feierlich den Satz: „Dann heiraten wir eben!“ Da wurden die Schnapsreserven aus den Verstecken geholt. Annike und ihr Bruder Siegfried sahen den drei erwachsenen Menschen zu, die nun auf die bevorstehenden Ereignisse immer wieder anstießen. Annike fassungslos, Siegfried neidisch.

Ob Annike es wollte oder nicht, danach fragte niemand mehr. Es war beschlossen, dass die künftigen Eltern heiraten müssen. Anscheinend hatte meine Mutter wohl doch zu große Angst, sich vor den Zug zu werfen. Da war die Hochzeit mit meinem Vater, der sie zu einer Königin machte, wohl doch die bessere Alternative.“

Erstmals 1985 veröffentlichte der Mitteldeutsche Verlag Halle – Leipzig „Tintenfisch dressiert. Gedichte für jung und alt“ von Dietmar Beetz, der seinem Buch gleich vorn eine „Bedienungsanleitung“ mitgegeben hat. Und die liest sich so:

Zur Nutzung

Wenn der Vater grollt und wettert,
Söhnchens Fieberkurve klettert,
wenn die Mutter müde ist,
die Tochter Sittsamkeit vergisst –

oder wenn der Star zurückkehrt
und der Lenz den Winter abwehrt,
wenn im Herbst die Luft noch flirrt
und der Himmel gläsern wird –

dann und auch bei anderm Anlass
lies auf diesen Seiten nach, was
Doktor Beetz erzählt und rät.

Er schreibt, dass jedermann ’s versteht.

Und hier einige der Beetz´schen Texte, darunter auch gleich der dem Buch seinen Titel gebende:

TINTENFISCH DRESSIERT

Der Tintenfisch in meiner Tasche

ist brav und gut dressiert.

Er hat nur einen Arm; ein

Griff, und er funktioniert.

Gibt Tinte ab wie’n Füller.

Doch manchmal scheint er verhext

(auch das wie’n Federhalter):

Dann spuckt er nur und kleckst.

BÜCHER

Sie halten zwischen zwei Deckeln

Geheimnisse unter Verschluss,

sieben hoch sieben Rätsel,

die man entschlüsseln muss.

Der Schlüssel ist ein Geheim-Code

aus Zeichen des Alphabetes.

Wer ihn hat, schaut hinter die Rätsel,

kennt und weiß alles und jedes. –

Man braucht nur die Deckel zu öffnen

und reinzugucken … Und dann

fasst man zum Umdrehn die Seiten,

wo später die Ohren sind, an.

NOTENFAHRT

Noten – das sind die Bojen

auf dem weiten Meer der Musik.

Du steuerst mal rüber, mal nüber,

natürlich mit etwas Geschick.

Bei Hohlbäuchigen musst du verweilen;

Massive lass rasch hinter dir,

noch schneller die mit den Wimpeln …

Kriegst bald einen Blick dafür.

Schipperst auf Ozeane

hinaus, steuerst Meerengen an –

ein Kolumbus der Violine,

ohne Angst vorm Klabautermann.

LESEN AN DER LITFAßSÄULE

Die Litfaßsäule ist ein Turm,

rund, mit bedrucktem Mantel;

drauf liest man, was geschieht, und sieht

so was vom Zeitenwandel.

Das gleiche liest man anderswo

zwar auch (und meist viel breiter);

doch geht man hier rundum herum

(und nach dem Lesen weiter).

DURCH DICKE BRILLENGLÄSER

Habe auf der Nase

so’n Gestell aus Horn.

Mit geschliffnen Linsen.

Wäre sonst verlor’n.

Ich weiß ja, ich brauch das Vehikel.

Es steht mir angeblich sogar.

Ich kenne auch schlimmere Leiden.

Eins aber sehe ich klar:

Kann nicht Kapitän sein,

nicht Lok- und nicht Bus-Steuermann.

Werd schon Arbeit finden.

Bin trotzdem – bescheiden dran.

DER SCHÜLER LERNT,

der Lehrer lehrt.

Geht das nicht auch

mal umgekehrt?

DER BRIEFKASTEN

Gelb und bauchig, schluckt er,

womit man ihn so füttert:

die Ansicht, das Geheimnis,

die Nachricht, die erschüttert,

die Drohung, die anonym bleibt,

ein Geständnis zwischen den Zeilen,

Erpressung, die in den Tod treibt,

den Wunsch, noch lange zu weilen …

Verbrieft oder abgekartet,

befürchtet oder ersehnt –

egal, er verschluckt es, schluckt alles,

und – das sei hier lobend erwähnt –

er hält es unter Verschluss, er

lässt Tratsch und lässt Klatsch nicht zu.

Gelb vor Neugier, den Bauch bis zum Rand voll,

macht er nur eins: Klappe auf, Klappe zu.“

Und das war es wieder mal für heute. Wie immer haben  wir ein vielfältiges Angebot zusammengestellt, in dem wohl für jeden künftigen Leser (die künftigen Leserinnen selbstverständlich ein geschlossen) etwas dabei sein dürfte. Nehmen Sie sich einfach die Zeit für eine Zeitreise – entweder vorwärts oder rückwärts und lassen Sie sich unterhalten und vergnügen, anregen und vielleicht auch ein bisschen aufregen – auf jeden Fall aber verführen. Aphrodite, so darf man wohl annehmen, kann Ihnen zeigen, wie das geht – literarisch natürlich …

Also viel Spaß beim Lesen, einen weiter wunderbaren Sommer und bis demnächst. Der nächst Friday for Future kommt bestimmt. Sind Sie wieder mit dabei?

 

Über die EDITION digital Pekrul & Sohn GbR

EDITION digital wurde vor 25 Jahren von Gisela und Sören Pekrul gegründet und gibt Kinderbücher, Krimis, historische Romane, Fantasy, Zeitzeugenberichte und Sachbücher (NVA-, DDR-Geschichte) heraus. Ein weiterer Schwerpunkt sind Grafiken und Beschreibungen von historischen Handwerks- und Berufszeichen sowie Belletristik und Sachbücher über Mecklenburg-Vorpommern. Insgesamt umfasst das Verlagsangebot, das unter www.edition-digital.de nachzulesen ist, derzeit fast 1.000 Titel (Stand Juni 2019).

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