Logistik

ASR im Praxischeck: Hält SAPs neues Logistikszenario, was es verspricht?

Die Logistik rückt in SAP immer stärker in den Fokus. Viele Unternehmen haben etablierte Systeme (SAP S/4HANA TM, LE-TRA, SAP S/4HANA EWM, LE-WM, externe Systeme u.a.), mit denen die Lager- und Transportprozesse dargestellt werden. Zwei Welten, mehrere Module, und mangelnde Transparenz.

Advanced Shipping and Receiving, kurz ASR, will diesen Bruch schließen. Das Szenario integriert das Lager mit dem Transport zu einem durchgängigen End-to-End-Prozess. Die Frage, die jeden Logistikverantwortlichen umtreibt, lautet: Ist ASR auch so gut, wie es sich anhört? Die ehrliche Antwort vorweg. Inzwischen ja. Aber mit Bedingungen.

Der Druck ist real, nicht erfunden

Es gibt einen handfesten Grund, warum das Thema gerade jetzt hochkommt. Die Wartung von LE-TRA läuft aus. Stand heute 2030 bei SAP S/4HANA, 2033 bei den Private-Deployment-Varianten der SAP Cloud ERP. Wer LE-TRA nutzt, steht damit vor einer TM-Neuimplementierung. Und wer den Transport neu aufsetzt, denkt zwangsläufig auch die Integration zum Lager neu.

SAP stellt für diese Integration zwei Wege bereit. Erstens die klassische TU-Integration, also Shipping and Receiving, und zweitens ASR als deren Weiterentwicklung. Abbildung 1 stellt beide gegenüber.

Eine pauschale Empfehlung für das eine oder andere Szenario gibt es nicht. Das hängt von den eigenen Prozessen und Anforderungen ab. Gut ist: Man muss sich nicht auf einen Schlag entscheiden. Beide Szenarien laufen parallel auf demselben System. Unternehmen können schrittweise umstellen. Verschiedene Standorte dürfen sogar unterschiedliche Integrationsformen fahren und nacheinander migrieren. Das nimmt Druck aus dem Projekt und erlaubt eine eigene Strategie statt eines Big Bang.

Was ASR verspricht und im Tagesgeschäft schon liefert

Das Versprechen ist klar. ASR vereinfacht und harmonisiert die Integration zwischen TM und EWM. Benutzerfreundliche Apps, übersichtliche Statusabwicklung und ein zentrales Objekt, der Frachtauftrag, sollen den End-to-End-Prozess reibungslos machen.

Damit man den Reifegrad einschätzen kann, lohnt der Blick auf die Roadmap. SAP legt hier laufend nach. Mit Release 2025 sind Funktionen dazugekommen, die im Alltag spürbar helfen. Handling Units lassen sich jetzt lieferübergreifend verpacken. Für die an EWM verteilten Auslieferungen gibt es ein Änderungsmanagement. Um das Handling bei der Verladung zu vereinfachen, ermöglicht die SAP eine Ad-hoc Zuordnung einer Handlung Unit zu einem Frachtauftrag über RF, eine Verladung einzelner HUs vor der gesamten Kommissionierung und Verpackung der Auslieferung sowie einen automatischen Liefersplitt, falls eine Palette im Lager stehen bleibt.

Das ist kein Marketing. Das spart am Tor echte Zeit und reduziert manuelle Korrekturen. Die Pipeline geht weiter. Geplant sind (Stand Juli 2026) unter anderem eine Ad-hoc Verladung, die es dem Lager ermöglicht flexibel Ware zuzuladen oder auch vom LKW zu entfernen. Die Produktvision reicht bis zu geplantem Cross-Docking, der Integration von Containern und Wechselbrücken sowie einer Stoppreihenfolgen-Integration für die Beladung.

Herausforderungen und Nutzen ehrlich abgewogen

Jetzt der ehrliche Teil. ASR ist gut, aber nicht lückenlos. Wer migriert, sollte beide Seiten kennen. Dazu kommen funktionale Lücken, die man im eigenen Prozess prüfen muss. Heikel sind späte Änderungen in der Transportplanung. Ändert sich im TM kurzfristig etwas, zieht das EWM nicht alles sauber nach. Wellenbildung, Wellenzuordnung und Torzuweisung bleiben dann außen vor. Auch die Informationsübergabe von TM an EWM bis in den Auslieferungsauftrag ist noch nicht vollständig. Das Transportmittel etwa wird dort nicht durchgängig aktualisiert. Maßgeblich ist also der real verfügbare Funktionsstand. Nicht die Roadmap.

Lohnt sich der Umstieg?

Standardfehler, Synchronisationsthemen und offene Funktionen sind vorhanden. Das steht aber dem klaren technischen und funktionalen Nutzen gegenüber. Und der überwiegt.

SAP hat mit dem ASR-Szenario eine zukunftsfähige Integrationsform geschaffen. Sie verkleinert die Datenredundanz, verschmilzt Lager- und Transportprozesse und gibt den Anwendern eine einheitliche Übersicht. Ein zentrales Objekt statt vieler paralleler Belege. Genau das ist der Mehrwert.

Mein Fazit: ASR ist inzwischen produktiv einsetzbar. Es bildet die Grundlage für transparente, integrative End-to-End-Prozesse in Lager und Transport. Eine Neueinführung oder ein Umstieg lohnt sich. Der Weg dahin bleibt ein Projekt mit Prüfauftrag. Wer das ernst nimmt, bekommt die Vorteile. Wer es unterschätzt, verschiebt nur seine alten Schnittstellenprobleme in eine schönere Oberfläche.

Ein Beitrag von Saskia Förster, Consultant SAP TM bei abat

Wichtiges in Kürze:

  • Der Zeitdruck ist echt. Mit dem LE-TRA-Wartungsende 2030 (S/4HANA) bzw. 2033 steht die TM- und Lagerintegration ohnehin neu an. ASR jetzt prüfen, nicht erst kurz vorher.
  • Schrittweise statt Big Bang. Klassisches Szenario und ASR laufen parallel auf einem System. Standorte lassen sich nacheinander umstellen.
  • Reif, aber nicht lückenlos. Späte Änderungen im Planungsprozess resultieren in Schiefständen im EWM (Wellen, Torzuweisung, Transportmittel), zusätzlich sind die Synchronisationsprobleme zwischen den Modulen noch eine klare Schwäche. Voraussetzung beachten: TM und EWM müssen auf einer Maschine laufen.
Über die Abat AG

Die abat Gruppe, 1998 gegründet, ist SAP-Dienstleister, innovativer Softwareentwickler und Lösungsanbieter für softwaregestützte Geschäftsprozesse – vor allem für die Kernbranchen Automotive, Diskrete Fertigung, Life Science, Aerospace, Defense & Security sowie für Unternehmen mit logistischen Prozessen oder Fertigungssteuerung.

Das Unternehmen berät in allen Phasen des IT-Servicemanagements – angefangen von der Ausrichtung der IT auf die Geschäftsprozesse über Eigenentwicklungen bis hin zu Implementierung und Wartung von Standardlösungen. Zudem sitzen am Standort St. Ingbert die Expert*innen für digitale Hochverfügbarkeitslösungen zur Produktionssteuerung im Bereich der komplexen Fertigungsindustrie. Darüber hinaus umfasst das Portfolio der abat Gruppe unter anderem Künstliche Intelligenz, RPA, Cloud-Services, App-Entwicklung, Informationssicherheit, Nachhaltigkeit sowie PLM.

Etwa 990 Mitarbeitende in Bremen, München, Oberhausen, Oldenburg, Rostock, St. Ingbert und Walldorf sowie in Minsk (Belarus), Puebla (Mexiko), Atlanta, GA (USA), Vilnius (Litauen) und Beijing (China) erwirtschafteten 2025 einen Umsatz von ca. 105 Millionen Euro. Zu den Kunden der abat Gruppe zählen u.a. Audi, BMW, Boehringer Ingelheim, Bosch, Brose, DHL, HIL, Ineos, MAN, Mercedes-Benz, nobilia, Porsche, Tchibo, thyssenkrupp sowie Volkswagen.

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