Wenn die Verantwortung zur Belastung wird: Suizidprävention bei Landwirten und Tierärzten
Eine neue Studie aus Bayern dokumentiert für den Zeitraum 2017 bis 2024 insgesamt 463 Suizide bei Menschen aus landwirtschaftlichen und anderen grünen Berufen. Bei Männern im Alter von 18 bis 59 Jahren lag die geschätzte Suizidrate um den Faktor 3,4 über derjenigen der übrigen Bevölkerung.
Die Agrar- und Veterinär-Akademie (AVA) nimmt diese Ergebnisse zum Anlass, auf eine weitere, seit Jahren wissenschaftlich dokumentierte Problematik aufmerksam zu machen: die erhöhte psychische Belastung und Suizidgefährdung im tierärztlichen Berufsstand.
Landwirtschaft: Neue Zahlen aus Bayern
Die im August 2026 im Bundesgesundheitsblatt veröffentlichte Untersuchung erfasste Suizide in landwirtschaftlichen und verwandten Berufen. Neben Landwirten wurden unter anderem Beschäftigte aus Tierzucht, Gartenbau, Forstwirtschaft, Jagd und Fischerei berücksichtigt.
Die Ergebnisse weisen auf ein deutlich erhöhtes Risiko hin. Allerdings beruhen die berechneten Suizidraten auf Schätzungen, und die Untersuchung erlaubt keine eindeutigen Aussagen über individuelle Ursachen.
Hohe wirtschaftliche Verantwortung, Arbeitsbelastung, betriebliche Krisen und familiäre Konflikte gehören zu den möglichen Belastungsfaktoren, die in der Fachliteratur diskutiert werden.
Auch Tierärzte sind besonders gefährdet
Die AVA hat bereits mehrfach über psychische Belastungen, Depressionen, Burnout und Suizidgefährdung in der Tiermedizin berichtet.
Eine deutsche wissenschaftliche Untersuchung mit 3.118 Tierärztinnen und Tierärzten zeigte, dass 19,2 Prozent der Befragten aktuelle Suizidgedanken angaben. In der untersuchten Vergleichsbevölkerung waren es 5,7 Prozent.
Bei 32,1 Prozent der befragten Tierärzte wurde ein erhöhtes Suizidrisiko festgestellt, gegenüber 6,6 Prozent in der Vergleichsbevölkerung.
Auch depressive Symptome wurden bei Tierärzten deutlich häufiger festgestellt.
Diese Ergebnisse beschreiben psychische Belastungen und Suizidrisikomerkmale in einer Befragung. Sie sind nicht mit tatsächlich registrierten Suiziden gleichzusetzen.
Eine weitere wissenschaftliche Untersuchung aus dem Jahr 2024 identifizierte insbesondere hohe berufliche Verausgabung bei gleichzeitig geringer wahrgenommener Anerkennung als wichtige statistische Einflussfaktoren für depressive Symptome und Suizidgedanken im tierärztlichen Berufsstand.
Zwei Berufsgruppen – eine gemeinsame Verantwortung
Landwirte und Tierärzte verbindet weit mehr als die tägliche Arbeit mit Tieren.
Beide Berufsgruppen müssen häufig unter erheblichem Zeitdruck entscheiden. Sie erleben Tierkrankheiten, wirtschaftliche Zwänge und Situationen, in denen medizinisch oder fachlich wünschenswerte Maßnahmen mit betrieblichen Möglichkeiten in Einklang gebracht werden müssen.
Für Landwirte können beispielsweise finanzielle Unsicherheit, Arbeitsüberlastung und die enge Verbindung zwischen Familie und Betrieb belastend sein.
Tierärzte wiederum erleben Notdienste, Personalmangel, hohe Erwartungen von Tierhaltern, ethische Konflikte und die Verantwortung für schwierige medizinische Entscheidungen.
Dabei ist zu beachten, dass die wissenschaftlichen Untersuchungen unterschiedliche Fragestellungen und Methoden verwenden. Ein direkter statistischer Vergleich der Suizidraten beider Berufsgruppen ist deshalb nicht möglich.
AVA: Psychische Gesundheit darf kein Tabuthema bleiben
„Wir diskutieren in der Landwirtschaft und Tiermedizin intensiv über Tierwohl, Tiergesundheit, Antibiotikaminimierung und wirtschaftliche Nachhaltigkeit. Aber sprechen wir ausreichend über die Gesundheit der Menschen, die diese Verantwortung täglich tragen?“, fragt die Agrar- und Veterinär-Akademie (AVA).
Aus Sicht der Akademie sollten psychische Belastungen und entsprechende Präventionsangebote stärker in der Aus- und Fortbildung sowie in der berufsständischen Diskussion berücksichtigt werden.
Gerade die langjährigen Beziehungen zwischen Landwirten und ihren betreuenden Tierärzten können dazu beitragen, Veränderungen frühzeitig wahrzunehmen.
Dafür braucht es eine offene Gesprächskultur, gegenseitige Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, bei Bedarf professionelle Hilfe einzubeziehen.
Landvolk Niedersachsen will Berater im Umgang mit psychischen Krisen schulen
Wie wichtig frühzeitige Unterstützung ist, zeigt eine aktuelle Initiative des Landvolks Niedersachsen. Der Verband wirbt dafür, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die regelmäßig mit landwirtschaftlichen Familien in belastenden Lebenssituationen zu tun haben, im Rahmen einer Fortbildung als „Mental Health First Aid Coach“ zu schulen.
Die Psychologin und Psychotherapeutin Wiebke Rimasch möchte den Teilnehmenden vermitteln, wie sie psychische Belastungen und mögliche Krisensituationen besser erkennen, Betroffene angemessen ansprechen und auf professionelle Unterstützung hinweisen können.
Ob die geplante Fortbildung im Frühjahr tatsächlich stattfindet, hängt nach Angaben des Landvolks noch von der Zahl der Interessenten ab.
Die Initiative verdeutlicht aus Sicht der Agrar- und Veterinär-Akademie (AVA), wie wichtig die Sensibilisierung von Menschen ist, die beruflich regelmäßig mit landwirtschaftlichen Familien zusammenarbeiten.
Die AVA regt deshalb an, vergleichbare Schulungsangebote auch für betreuende Tierärztinnen und Tierärzte zu prüfen. Gerade in der Rinder- und Schweinebestandsbetreuung entstehen häufig langjährige Vertrauensverhältnisse zwischen Tierhaltern und Tierärzten.
Es geht dabei nicht darum, dass Berater oder Tierärzte psychische Erkrankungen diagnostizieren oder behandeln. Sie können jedoch Warnsignale wahrnehmen, ein Gespräch anbieten und den Zugang zu professioneller Hilfe erleichtern.
Prävention muss beide Berufsgruppen erreichen
Die Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG) bietet ihren Versicherten verschiedene Programme zur psychischen Gesundheitsvorsorge und Unterstützung in Krisensituationen an.
SVLFG-Krisenhotline: 0561 785-10101
Sie ist rund um die Uhr erreichbar und richtet sich an Versicherte der SVLFG.
Weitere Informationen:
https://www.svlfg.de/krisenhotline
Für Tierärztinnen und Tierärzte bestehen unter anderem berufsbezogene Unterstützungsangebote wie VETHILFE e. V.
https://www.vethilfe.org/
Die Telefonseelsorge ist für Menschen in psychischen Krisen kostenlos unter 0800 1110111, 0800 1110222 oder 116 123 erreichbar.
Bei unmittelbarer Gefahr ist der Notruf 112 zu verständigen.
Die AVA fordert eine gemeinsame Diskussion
Die aktuellen wissenschaftlichen Ergebnisse sollten Anlass sein, psychische Gesundheit in Landwirtschaft und Tiermedizin stärker als gemeinsame Aufgabe zu betrachten.
Dazu gehören niedrigschwellige Beratungsangebote, Fortbildungen zum Erkennen psychischer Krisen, bessere Arbeitsbedingungen und eine offene Diskussion über berufliche Überlastung.
Die AVA regt ausdrücklich an, dass sich landwirtschaftliche Organisationen, Tierärztekammern, der Bundesverband Praktizierender Tierärzte (bpt), die SVLFG sowie weitere berufsständische Einrichtungen verstärkt mit dieser Problematik befassen.
Fazit der AVA: Tiergesundheit, Tierwohl und eine leistungsfähige Landwirtschaft setzen voraus, dass auch die Menschen, die täglich für die Tiere Verantwortung tragen, gesund bleiben. Psychische Belastungen frühzeitig zu erkennen und professionelle Unterstützung zugänglich zu machen, ist deshalb eine gemeinsame gesellschaftliche Aufgabe.
Wissenschaftliche Quellen
Suizide in der Landwirtschaft – Bayern 2017 bis 2024
Hetzel, C. et al. (2026), Bundesgesundheitsblatt.
https://doi.org/10.1007/s00103-026-04297-5
Depression, Suizidgedanken und Suizidrisiko bei deutschen Tierärzten
Schwerdtfeger, K. A. et al. (2020), Veterinary Record.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32229508/
Berufliche Belastungsfaktoren und psychische Gesundheit von Tierärzten
Schwerdtfeger, K. A., Glaesmer, H., Bahramsoltani, M. (2024), PLOS ONE.
https://doi.org/10.1371/journal.pone.0310819
Frühere AVA-Veröffentlichungen
Depression, Compassion Fatigue und Suizid in der Veterinärmedizin, 21. Februar 2026:
https://www.ava1.de/de/news/news/depression-compassion-fatigue-und-suizid-in-der-veterinaermedizin/
Tiermedizin: Extrem hohe Suizidraten, 3. Juni 2026:
https://www.ava1.de/de/news/news/tiermedizin-extrem-hohe-suizidraten/
Quelle: Landvolk Niedersachsen, Landvolk-Pressedienst (LPD 79/2026), „Landvolk will Berater im Umgang mit psychischen Krisen schulen“.
Weiterführender Link:
https://sorgentelefon-landwirtschaft.de/sorgentelefone.html
[url=https://www.ava1.de/de/ueber-uns/die-ava/]Die AVA[/url] ist eine Fortbildungsgesellschaft mit dem Ziel der Aus- und Weiterbildung und der Verteilung von Informationen für den landwirtschaftlichen und tiermedizinischen Bereich. Gleichzeitig ist die AVA ein Forum für Landwirte und Tierärzte, die die Herausforderungen der Produktion gesun-der Nahrungsmittel in den nächsten Jahrzehnten in den Blick nimmt.
Ziel der [url=https://www.ava1.de/de/seminare/aktuelle-ava-seminarangebote/]Agrar- und Veterinär-Akademie[/url] ist es, die Probleme der modernen, nachhaltigen Landwirtschaft und Tierhaltung zu erörtern. Wir wollen gemeinsam Wege finden, um tiergerecht, praxisbezogen und verbraucherorientiert zu arbeiten. AVA-Fortbildungen helfen Arzneimittel einsparen!
Agrar- und Veterinär-Akademie (AVA)
Birkenweg 7
48565 Steinfurt
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