Gesundheit & Medizin

Die Chancen der ePA nutzen: Vertrauen erzeugen, Risiken realistisch einschätzen und Freiwilligkeit gewährleisten

Die elektronische Patientenakte (ePA) und eine verstärkte Digitalisierung werden zu einem Paradigmenwechsel in Richtung einer transparenteren, schnelleren und medizinisch umfassenderen Gesundheitsversorgung in Deutschland führen. Dies ist das Resümee der Diskussionsteilnehmer der 22. Plattform Gesundheit des IKK e.V., die gestern stattfand. In einer Hybridveranstaltung diskutierten Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Gesundheitswirtschaft unter der Überschrift „Boost or Burst: Welche Wirkung hat die Corona-Pandemie auf die elektronische Patientenakte (ePA) und die Digitalisierung im Gesundheitswesen?“ Die Diskussion hat aber auch gezeigt: Auf allen Seiten sind noch viele Fragen offen und Informationsbedürfnisse ungeklärt.

„Die ePA wird einen großen Beitrag zum Patientenwohl leisten“, stellt Tino Sorge, MdB, Mitglied im Ausschuss für Gesundheit und Berichterstatter für Digitalisierung und Gesundheitswirtschaft der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, gleich zu Beginn fest. Auch wenn es den Anschein habe, dass sich mit Start der ePA am 1. Januar 2021 für die Versicherten noch nicht sehr viel ändere: „Wir haben die Rahmenbedingungen geschaffen, dass Ärzte die ePA befüllen und Kassen Mehrwertangebote kreieren können.“ Eine flächendeckende Vernetzung der Ärzte mit allen Leistungserbringern werde sukzessive folgen. „Man darf aber nicht immer alles zerreden, sondern sollte die Chancen sehen“, fordert Sorge. Dem schließt sich auch Christian Klose, Unterabteilungsleiter „Telematik, gematik und eHealth“ im Bundesministerium für Gesundheit, an: „Der ‚softe‘ Rollout Anfang Januar 2021 ist ein erster, aber sehr wichtiger Schritt.“ Die digitale Transformation sei mehr als die Summe ihrer einzelnen Teile, fasst Klose zusammen.

Auch seitens der Ärzteschaft ist der Bedarf an einer ePA in der Praxis hoch. Dr. med. Irmgard Landgraf, Fachärztin für Innere Medizin / Hausärztin, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin, Vorstandsmitglied des Hausärzteverbandes Berlin und Brandenburg sowie im Aktionsbündnis Patientensicherheit, erklärt: „Langfristig wird es ohne ein Tool wie die ePA gar nicht mehr gehen. Damit werden Doppeluntersuchungen vermieden, Informationen ausgetauscht, Befunde vergleichbar gemacht. Wir warten händeringend darauf!“

Wesentlicher Dreh- und Angelpunkt sowohl bei der ePA als auch bei der Digitalisierung an sich besteht in der Schaffung von Vertrauen – und zwar auf allen Seiten. Klaus Müller, Vorstand der Verbraucherzentrale Bundesverbandes e.V., erklärt: „Patienten leiden darunter, dass sie bisher keinen Zugang zu ihren Informationen haben.“ Zwar sei es utopisch, dass Arzt und Patient sich wirklich auf Augenhöhe treffen würden, so Müller, aber es sei ein Schritt in die richtige Richtung.

Vertrauen sei auch der Faktor, den die ePA etwa in den Niederlanden so erfolgreich gemacht habe, berichtet Drs. Joris Smits, Director Chain Management, Vereinigung von Gesundheitsdienstleistern und Patienten für die Kommunikation im Gesundheitswesen (VZVZ). Für die Nutzer sei das Element der freiwilligen Teilnahme grundlegend für den Erfolg des niederländischen Netzes gewesen. Die Ärzteschaft sei zu Beginn zwar noch skeptisch gewesen, aber immerhin nähmen inzwischen 91 Prozent der Praxen teil, so Smits.

Bedenken äußert Dr. Thomas Kriedel, Mitglied des Vorstands der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Er hat den Eindruck, dass die Praxen die Versuchslabore für die Digitalisierung seien: Viele Praxen fühlten sich durch unklare Vorgaben und unausgereifte Technik überlastet, weiß der KBV-Chef und fordert: „Es wäre schön, wenn die digitalen Anwendungen schon erprobt wären, wenn der Rollout erfolgt.“ Zudem habe die Corona-Pandemie die Digitalisierung deutlich dynamisiert, was sich nun aber als doppelte Herausforderung für die Ärzte darstelle: Die Bewältigung der Corona-Pandemie und die Umsetzung der Digitalisierung – beides zur gleichen Zeit, sei kaum zu stemmen.

Viele offene Fragen gibt es beim Datenschutz. Gleich zu Beginn der Diskussion verweist Hans-Jürgen Müller, Vorstandsvorsitzender des IKK e.V., darauf, dass Digitalisierung im Gesundheitswesen die Akteure direkt in ein Spannungsfeld zwischen der informationellen Selbstbestimmung auf der einen Seite und dem Gemeinwohl auf der anderen Seite führen würde: „Daten können Leben retten, wenn sie die Forschung voranbringen. Daten können aber auch schaden, wenn sie in falsche Hände geraten“, erklärt Müller und warnt vor einer Kommerzialisierung von Gesundheitsdaten. „Wenn wir die Digitalisierung jetzt nicht voranbringen und keine elektronische Patientenakte anbieten, dann werden dies über kurz oder lang die großen Tech-Firmen machen“, erklärt auch der Abgeordnete Sorge. Verbraucherschützer Müller verweist auf die jüngsten Bestrebungen von Google. „Ich sehe es höchst kritisch, wenn Google in den USA Tools anbietet, die Gesundheitsleistungen an die Herausgabe von Gesundheitsdaten knüpfen.“

Aus Sicht der Kassen ist man für den Start der ePA gut vorbereitet. „Nicht nur die BIG direkt gesund, die seit ihrer Gründung digitalaffin ist, sondern alle Innungskrankenkassen unterstützen die Einführung der elektronischen Patientenakte und die Digitalisierung im Gesundheitswesen“, betont Robert Leitl, Vorsitzender des Verwaltungsrates der BIG direkt gesund. „Wir sehen das große Potenzial der Versorgungsverbesserung unserer Versicherten durch Transparenz und Vernetzung.“ Irritiert zeigt sich Leitl deshalb über die jüngsten Einwände des Bundesdatenschützers Kelber. „Dies muss vor Start der ePA auf politischer Ebene geklärt werden“, fordert Leitl. „Ansonsten nimmt das Vertrauen der Versicherten in die ePA schon vor der Einführung dauerhaften Schaden.“ Der Verwaltungsratsvorsitzende ist sich gleichwohl sicher: „Wenn der Nutzen und der Datenschutz gegeben sind, müssen wir uns um die Akzeptanz keine Gedanken machen.“ Die Innungskrankenkassen werden mit dem Start der ePA Anfang Januar ihre Versicherten umfassend informieren und in der Übergangsfrist begleiten. „Keiner wird durchs digitale Raster fallen“, verspricht Leitl.

Sowohl Sorge in seinem Eingangsstatement wie auch Klose in der Diskussion bekräftigen, dass die ePA datenschutztechnisch unbedenklich sei. Nur der Versicherte entscheide, was eingestellt werde und wer Zugriff auf die Daten hat. Auch die Kasse hat keinen Zugriff.

Zu einer gesunden Portion Realismus ruft auch der IKK e.V.-Geschäftsführer Jürgen Hohnl in seinem Schlusswort auf. „Wir dürfen nicht dem Brecht‘schen Pessimismus verfallen: ‚Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen. Den Vorhang zu und alle Fragen offen‘“, so Hohnl. Wenn man über die Risiken der Digitalisierung im Gesundheitswesen diskutiere, dürfe man die Vorteile und Chancen nicht aus dem Blick verlieren. Er erinnert daran, dass auch eine Unterlassung negative Konsequenzen habe und ein Risiko darstellen würde. Letztlich hänge der Erfolg davon ab, dass alle Beteiligten mitgenommen werden und Vertrauen geschaffen würde. In Richtung der Skeptiker gegen eine zunehmende Digitalisierung richtet der Geschäftsführer die Hoffnung: „Wenn die ePA den Ärzten die Arbeit erleichtert und die Digitalisierung den Kassen im Tagesgeschäft hilft, könnte die eingesparte Zeit auch perspektivisch dazu genutzt werden, der persönlichen Patientenkommunikation wieder mehr Kapazität einzuräumen!“

Über den IKK e.V.

Der IKK e.V. ist die Interessenvertretung von Innungskrankenkassen auf Bundesebene. Der Verein wurde 2008 gegründet mit dem Ziel, die Interessen seiner Mitglieder und deren 5,1 Millionen Versicherten gegenüber allen wesentlichen Beteiligten des Gesundheitswesens zu vertreten. Dem IKK e.V. gehören die BIG direkt gesund, die IKK Brandenburg und Berlin, die IKK classic, die IKK gesund plus, die IKK Nord sowie die IKK Südwest an.

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