Gesundheit & Medizin

Neuanfang im Pflegewohnheim – wie Ehrenamt den Abschied erleichtert

Ich treffe Oliver Stöwing, sportlich gekleidet und trotz grauer Haare jung geblieben, mit einem breiten Lächeln am Pflegewohnheim „Am Plänterwald“. Heute steht sein wöchentlicher Termin mit Jürgen Hundt an, den er im Alltag unterstützt – aktuell ist die Wohnungsauflösung ein großes Thema.
Im Zimmer des 93-Jährigen fällt mir sofort der liebevoll eingerichtete Tisch auf – Bücher, Zeitschriften, ein Foto seiner Frau. Neben ihm steht der Rollator, der ihm Sicherheit gibt.
Über 60 Jahre lebte er in Berlin-Schöneweide, zunächst mit seiner Frau, später allein. Nach gesundheitlichen Problemen zog er ins Pflegeheim. „Nun kann mir ja nichts mehr passieren,“ sagt er überzeugt und zeigt auf den kleinen Herzschrittmacher, der ihm neue Stabilität gibt.

Wenn Helfen Sinn stiftet

Unterstützung erhält Jürgen Hundt vom Unionhilfswerk. Zunächst begleitet ihn eine Freiwillige, später übernimmt Oliver Stöwing. Nach einer beruflichen Neuorientierung suchte er nach einer sinnstiftenden Aufgabe – und fand sie im Ehrenamt. Über das Freiwilligenmanagement erfährt er von Herrn Hundt und seiner anstehenden Wohnungsauflösung. „Und dann habe ich gedacht: Okay, mache ich. Ich helfe ihm gerne“, erzählt der Freiwillige.
Inzwischen haben sie mehrere Termine hinter sich und verstehen sich auf Anhieb. Oliver Stöwing legt großen Wert darauf, dass Jürgen Hundt die Richtung vorgibt:
„Er weiß genau, was er will. Ich bin nur die Unterstützung. Er ist der Boss und bestimmt, was bleibt und was gehen kann. Es ist wichtig, dass ältere Menschen in Entscheidungen einbezogen werden.“

Begegnungen voller Geschichte

Oliver Stöwing ist beeindruckt von Jürgen Hundts Lebenserfahrung: „Vom Zeitzeugen nochmal zu hören – Krieg, Teilung Deutschlands, Wiedervereinigung – der hat ja Geschichte erlebt! Er ist ein lebendes Geschichtsbuch.“
Gleichzeitig beschäftigt ihn, wie viele ältere Menschen auf Unterstützung angewiesen sind: „Es ist viel von Senioren die Rede, meistens in Zusammenhang mit aktiven Rentnern oder Best Agern. Aber die meisten gehören nicht dazu, sondern leben eher im Unsichtbaren und brauchen Hilfe. Man muss auf diese Menschen achten und für sie da sein.“
Für Oliver Stöwing ist das Ehrenamt auch persönlich bedeutsam. Seine Eltern sind älter, und er wohnt weit entfernt. „Ich hoffe, dass es irgendwann auch für sie jemanden gibt, der sie begleitet. Die Pflege ist stark gefordert – deshalb sind Freiwillige so wichtig.“

Ein Stück Zuhause bleibt

Jürgen Hundt schätzt die Unterstützung sehr: „Ich bin ja wegen des Rollators an das Heim gebunden.“ Mit Oliver Stöwing hat er jemanden gefunden, der ihm zuhört und mit dem er gemeinsam Lösungen findet. Besonders emotional ist für ihn die Wohnungsauflösung: „Das tut weh – was man sich in sechzig Ehejahren angeschafft hat, einfach wegzugeben. Ich weiß, dass ich nicht alles behalten kann. Aber es fällt schwer.“
Nach vielen Gesprächen findet sich ein Kompromiss: Eine große Vitrine mit Eisenbahnmodellen, die Jürgen Hundt als ehemaligen Eisenbahner besonders am Herzen liegt, darf im Flur vor seinem Zimmer stehen. Er strahlt: „Das ist mal ’ne gute Nachricht!“

Ein Stück Zuhause, das er diesmal nicht zurücklassen musste – und die Gewissheit, dass Oliver an seiner Seite ist, machen den Neuanfang leichter.

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