Kunst & Kultur

Experimente Ex – nur noch bis 16. Dezember in der Cadoro – Zentrum für Kunst und Wissenschaft in Mainz

„Forever Fading“ lautet der Titel, unter dem das Künstler-Duo Carolin Liebl und Sebastian Schmid-Pfähler ihre Werkschau präsentieren. Gezeigt werden überwiegend Objekte aus geschmolzenem Kunststoff, die mit Hilfe eines selbst konstruierten Roboters, eines sogenannten Extruders, geschaffen werden. Die Technik wurde der Arbeitsweise eines 3-D-Druckers entlehnt. Beim Schöpfungsprozess entsteht ein reizvolles Zusammenspiel zwischen Maschine und Mensch. Der Roboter wird zum Partner, der den recyclebaren Kunststoff flüssig werden und durch eine Düse austreten lässt, außerdem mit den hinzugegeben Farbpigmenten mischt. Durch die Bewegung des Extruders und das Bearbeiten des zunächst flüssigen und noch formbaren, später aber fest werdenden, Materials,können die Künstler dann auf die Gestaltung der skulpturalen Werke Einfluss nehmen. Jede Arbeit ist ein Unikat, da sich ihr Entstehungsprozess nie eins zu eins wiederholen lässt. Geschaffen werden reizvolle sinnliche „Artifacts“, schlangenartige farbenartige Gebilde, die manchmal auch zu „Fluffs“ zu einem kreativen Knäuel miteinander verschlungen werden. Reizvoll sind auch zwei Installationen mit dem Titel „Flowers“. In Vasen werden „Blumensträuße“ aus den farbigen, an echte Pflanzen erinnernden, Objekten aus wiederverwertbarem Kunststoff zusammengestellt.

Die Arbeit „Nature Soft“ dokumentiert den Forschergeist des Duos, das sich künstlerisch, philosophisch wie wissenschaftlich mit dem Thema Vergänglichkeit undNachhaltigkeit auseinandersetzt. Ein Stück Kunststoff wurde zwei Monate inbiologischen Kompost gelegt und dann sein Zustand und Zersetzungsprozess mit 800 mikroskopischen Einzelbildern dokumentiert, die anschließend zu einem großen Foto drei auf drei Meter zusammengesetzt wurden. Dem Duo Liebl-Schmid-Pfähler, das heute in Offenbach lebt und arbeitet, gelingt es auf höchst sinnliche Weise, den Betrachter ihrer Werke zum Nachdenken über die Themen Werden und Vergehen, Nachhaltigkeit und Wertigkeit anzuregen.

Sebastian Dannenberg stellt seine Arbeiten unter das Motto „The great Escape“. Die vorherrschende Farbe Blau verrät dem Betrachter bereits die Richtung, in die die ausgestellten Werke weisen: es geht zum einen um Aus- und Aufbruch, sei es die Reise an das blaue Meer, oder den erlösenden Blick in einen strahlend blauen Himmel, aber auch um die reale Flucht von Menschen vor wirtschaftlicher Not oder politischer Verfolgung. Sebastian Dannenberg verknüpft in seinem Werk gerne Malerei und Raum. So finden sich in der Ausstellung im Ca´Doro mehrere Arbeiten, bei denen Farbpigmentreste mittels einer Tiefdruckpresse bearbeitet wurden. Entstanden sind an Rorschach-Testbilder erinnernde, luftig-flüchtig und verspielt wirkende Drucke. An einer anderen Wand wird auf zwei nebeneinander hängenden Bildern filigran eine blaue Horizont-Linie präsentiert, ein Gemälde unter Folie links daneben lässt den Betrachter an die Darstellung von blauem Wasser mit darüberliegendem Himmel denken. Auch skulpturale Metallarbeiten werden unter der Überschrift „Great Escape“ geboten. So liegen zum Beispiel auf einem mit der Flex bearbeiteten Element aus Aluminium Arbeitshandschuhe, die Dannenberg auf einer USA-Reise erworben hat. Ein Symbol dafür, dass die Reise für den Künstler ebenfalls ein Aufbruch in neue Welten darstellte. Die deutlichen Nutzungsspuren an den Handschuhen und die Bearbeitungsspuren auf dem Aluminium erinnern daran, dass wir auf unseren Fluchten, ob aus dem Alltag wie auf Reisen oder auf realen in andere Länder oder politisch bessere Systeme, stets unsere Abdrücke hinterlassen. Ebenso wird der Leitgedanke der Ausstellung in einer Installation aus gebrauchten blauen LKW-Planen aufgegriffen. Zwei auf dem Boden drapierte Ausschnitte erinnern an Luftmatratzen oder Schlafmatten für Geflüchtete, ein an der Wandbefestigte Stück Plane, das genau die Maße der heimischen Schlafstatt des Künstlers abbildet, wird zu einem provisorischen Zelt. Sebastian Dannenberg, der heute in Hamburg lehrt und bei Bremen lebt und arbeitet, versteht es, poesievoll und dezent das Thema Great Escape aufzugreifen und zugleich den Besucher der Ausstellung zu einer kleinen Flucht aus dem Alltag zu verführen.

Die Ausstellung „Ordinary Things“ im ersten Stock der Ca´Doro schließt nahtlos andie Werkschau im Erdgeschoss an, die ebenfalls am Tag des Sommerfestes, dem 15. August 2026, eröffnet wird. Werden unten Arbeiten von Carolin Liebl, Nikolas Schmid-Pfähler und Sebastian Dannenberg gezeigt, die vor zehn Jahren ihre künstlerischen Anfänge bei dem Projekt „Experimente“ in der renommierten Galerie in Mainz-Hechtsheim genommen haben, ist oben ein Künstler zu sehen, der einige Jahre später bei der gleichen Reihe seine künstlerische Initiation erlebte. Phillip Neßler war 2021 mit seiner eindrucksvollen Installation „Effi“ zu Gast.

Inzwischen arbeitet er im Duo mit seiner Kollegin Julia Seyfried und kehrt mit einer gemeinsamen Schau an den alten „Tatort“ zurück. Der Titel „Ordinary Things“ verrät, worum es geht, um „gewöhnliche, oder alltägliche Dinge“. Aber diese werden -manchmal sprichwörtlich – auf den Kopf gestellt. Da liegt ein hochglanzlackiertes Dirigenten-Podest umgekehrt auf dem Boden, so dass man es sofort umdrehen möchte oder bei einem anderen, kastenartigen, Objekt sind Handläufe montiert, dienen aber als Fußstütze. Doch würde man den Kasten in die richtige Position drehen wollen, fiel das goldene Konfetti heraus, das darin aufbewahrt wird. Bei einem fahrbaren Gestell, bestehend aus auf einem Holzkasten montierten Metallstangen, ragen die Rollen nach oben in die Luft. Die an den Metallstangen befestigte Stoffvorhänge, die bei korrekter Position des auf dem Kopf stehenden Objektes an ihm herabhängen würden, liegen ausgebreitet auf dem Boden. Es scheint eindeutig ebenfalls verkehrt herum platziert zu sein. Allerdings pendelt in der Mitte herabhängend ein wassergefüllter Ballon. Würde man die Installation gemäß alltäglicher Logik auf die Räder stellen, würde der Ballon herunterfallen, könnte dabei platzen und die ganze Aktion wäre auch noch durch die nun seitlich herabfallendenVorhänge verdeckt. Schrödingers Katze lässt grüßen. Bei der Arbeit mit dem Titel „Feuer-Feuer“ stehen zwei absolut identische Holzhaufen auf runden Sockeln quasi zum Anzünden bereit. Die Scheite sind exakt gleich groß, gleich gespalten und analog aufgeschichtet. Das Geheimnis dahinter: die Hölzer wurden mit einer 3 D-Fräse auf den Millimeter genau in gleicher Länge und Beschaffenheit ausgesägt und anschließend auch absolut in gleicher Weise aufgehäuft. Der Betrachter darf weiterdenken: Würde das Holz beim Anzünden auch parallel eins zu eins abbrennen, im exakt gleichen Tempo, mit exakt der gleichen Rauchentwicklung? Bei dem Werk„Erlkönig“ blickt man scheinbar auf einen furnierten Holz-Quader, auf dem oben ein nicht ganz geschlossener Metallring prangt. Beim genauen Hinsehen entdeckt man, dass es sich um zwei Quader handelt, der obere ist geringfügig schmaler und sitztganz leicht verschoben auf dem unteren. Der Titel „Erlkönig“ wurde dem Automobilbau entlehnt. Dort werden aus Geheimhaltungsgründen manchmal Prototypen beim Test im Straßenverkehr mit speziellen Tarnmustern lackiert, damit niemand exakte Konturen und Designelemente eines neuen Modells erkennen kann.Auch das Furnier der Holzquader weist jene „Dazzle-Camouflage“ auf, mit denen Autobauer bei der Tarnung arbeiten.

Das Spiel mit der Wahrnehmung ist das Thema des hochkreativen Duos Philipp Neßler & Julia Seyfried. Unsere Sehgewohnheiten auf alltägliche Dinge werden augenzwinkernd in Frage gestellt. Besonders wird das an drei ausgestelltenFotoarbeiten deutlich. Gezeigt wird in zwei parallel zueinander gruppiertenAufnahmen scheinbar stets das gleiche Motiv. Beim sehr genauen Hinsehen entdeckt der Betrachter allerdings geringfügige Veränderungen. Warum ragt zum Beispiel auf dem zweiten Foto des scheinbar gleichen abgebildeten Interieurs das Fensterbrett plötzlich nicht mehr ein kleines Stück in den Raum hinein, sondern schließt exakt mit der Wand ab? Die Antwort: Neßler und Seyfried haben in einer Kunstaktion in einer Wohnung während der Abwesenheit des Besitzers eine weitere Wand vor die ursprüngliche gesetzt, den Raum dadurch verkleinert und alles anschließend wieder so gestrichen und dekoriert, dass auf den ersten Blick kein Unterschied zu sehen ist. Bis heute wissen die beiden Kunstschaffenden nicht, ob dem Bewohner die räumliche Veränderung nach seiner Rückkehr aufgefallen ist.

Äußerst originell ist auch eine weitere Aktion. Mit exakt den Einzelteilen bestimmterMöbelmodelle aus dem Angebot eines schwedischen Möbelhauses wurden phantasievolle abstrakte Skulpturen errichtet. Zu diesen Kunstwerken wurden dann genau im identischen Stil des Möbelherstellers Aufbauanleitungen angefertigt, mit denen die Werke von jedermann nachgebaut werden können. In der Werkschau im Ca´ Doro sind allerdings nicht die Skulpturen selbst zu sehen, sondern hängen lediglich die Bauanleitungen an der Wand. Wer als Heimwerkerin oder Heimwerkerneue künstlerische Dimensionen erproben will, kann in der Galerie eine handsignierte Anleitung erwerben, sich das entsprechende Möbelpaket kaufen und zu Hause das Kunstwerk erstehen lassen. Vielleicht kann mit diesem genial kreierten „Ikea-Effekt“ ja eine neue begeisterte Zielgruppe für „Kunst zum Selbstzusammenbauen“ erschlossen werden. Zu wünschen wäre es den beiden jungen phantasievollen Kunstschaffenden, die nach einem Kunststudium in Mainz zurzeit noch ihre Ausbildung an der Düsseldorfer Kunstakademie fortsetzen.

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