Wenn Krankenhäuser neu denken müssen
Zahlreiche Prozesse stammen aus einer Zeit, in der Daten kaum vernetzt waren und Digitalisierung noch als Zusatzaufgabe galt. Warum Krankenhäuser jetzt umdenken müssen, erklärt Michael Ey, Leiter Global Health Services bei PwC.
Viele Kliniken sprechen über KI. Ist das echter Wandel – oder oft noch digitale Symbolpolitik?
Der Wandel ist da, allein schon wegen des Drucks im System. Gleichzeitig sinkt die Zufriedenheit vieler Menschen mit dem Gesundheitswesen, das zeigt unser Healthcare Barometer 2026. KI wird deshalb zunehmend zur Notwendigkeit. Viele denken dabei sofort an hochkomplexe Diagnostiksysteme. Dabei liegen die schnellsten Fortschritte in der Verwaltung: Terminplanung, Belegungssteuerung oder Arztbriefe kosten heute enorme Zeit. Genau dort kann KI spürbar und schnell entlasten – und Beschäftigten wieder mehr Zeit für Patienten verschaffen.
Warum kommen viele Häuser nur langsam voran?
Weil wir häufig mit der falschen Erwartung starten. In Deutschland wollen wir sofort die perfekte Lösung bauen. Erst Gesamtstrategie, dann Masterplan, alles im Goldstandard. Genau das passt aber nicht zur Dynamik von KI. Wer zu lange plant, verliert Zeit. Sinnvoller wäre es, kleiner anzufangen, Dinge auszuprobieren und daraus zu lernen. Viele Anwendungen lassen sich heute relativ unkompliziert einführen – gerade außerhalb hochregulierter medizinischer Bereiche.
Wo erleben Kliniken die größte Entlastung?
Vor allem dort, wo Verwaltungsaufwand die Arbeit dominiert. Pflegekräfte und Ärzt:innen verbringen inzwischen einen immer weiter steigenden Teil der Arbeitszeit mit Dokumentation statt mit Versorgung. Gleichzeitig stoßen Kliniken trotz neuer Technologien zunehmend an Grenzen, weil der regulatorische Aufwand weiter wächst. KI kann Formulare strukturieren, Briefe vorbereiten oder Prozesse koordinieren. Das klingt unspektakulär, hat aber eine große Wirkung. Und zahlt sich für die Kliniken besonder schnell auch wirtschaftlich aus. Wir sprechen hier von Monaten, bis erste Lösungen eingeführt sind und einen positiven Effekt auf die tägliche Arbeit und die wirtschaftliche Lage haben.
Verändert KI auch die Rolle von Krankenhausleitungen?
Absolut. Klassische IT-Projekte wurden früher häufig top down entschieden. KI funktioniert anders. Erfolgreiche Häuser beziehen Pflegekräfte, Ärzt:innen und Verwaltung früh ein, weil dort das Prozesswissen sitzt. Führung bedeutet deshalb stärker Moderation und Orientierung statt reiner Vorgabe. Entscheider:innen benötigen aber ein realistisches Verständnis dafür, was diese Systeme leisten können. Sie müssen also selbst die Möglichkeiten der KI „ausprobieren”.
Deutschland diskutiert beim Thema Gesundheitsdaten besonders sensibel. Bremst uns das?
Datenschutz ist essenziell, besonders bei Gesundheitsdaten. Gleichzeitig bringt die Bevölkerung den Kliniken ein großes Vertrauen entgegen, dass mit Daten sorgfältig umgegangen wird. Problematisch wird, wenn Datennutzung fast automatisch als Risiko verstanden wird. In Deutschland scheitern Projekte häufig weniger an der Technik als an komplizierten Zuständigkeiten und Unsicherheit. Datenschutz und Datennutzung müssen stärker zusammengedacht werden: Sicher und nutzbar.
Was müssen Kliniken tun, damit die KI-Transformation nicht zur verpassten Chance wird?
Nicht warten, bis jede Strategie perfekt ausformuliert ist. Sondern Anwendungen testen, Erfahrungen sammeln und daraus größere Lösungen entwickeln. Natürlich wird nicht jedes Projekt sofort funktionieren. Aber genau dieses Lernen gehört zur Transformation dazu, jetzt muss Wissen aufgebaut werden. Wer weiter zögert, wird später Mühe haben aufzuholen.
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