KI in der Medizin: Chancen nutzen, Risiken beherrschen
Die Landesärztekammer Hessen (LÄKH) und die Ärzte- und Zahnärztekammer der Provinz Salerno (Ordine dei Medici Chirurghi ed Odontoiatri della Provincia di Salerno) verbindet seit 2017 eine enge Partnerschaft. Im Mittelpunkt stehen der regelmäßige wissenschaftliche und kulturelle Austausch sowie die gemeinsame Fortbildung. Alle zwei Jahre finden deutsch-italienische Symposien abwechselnd in Frankfurt und in Salerno statt.
Neben den technologischen Möglichkeiten standen auch die Herausforderungen im Fokus des Symposiums: „Wie verändert Künstliche Intelligenz die Medizin? Wie lässt sich Künstliche Intelligenz sinnvoll mit ärztlicher Expertise verbinden? Welche regulatorischen Anforderungen sind zu beachten? Und wie können Chancen genutzt werden, ohne Risiken aus dem Blick zu verlieren?“: Diese Fragen stellte Dr. med. Edgar Pinkowski, Präsident der Landesärztekammer Hessen, in seiner Begrüßung dem Symposium voran.
„Wir Europäer müssen noch näher zusammenrücken“, betonte Stefan Sydow, Leiter der Abteilung Gesundheit des Hess. Ministeriums für Familie, Senioren, Sport, Gesundheit und Pflege. KI müsse grenzüberschreitend und über die Grenzen einzelner Versorgungsbereiche hinweg gedacht werden. Besonders in der Medizin und Prävention liege großes Potenzial. Ziel müsse es sein, von der Reparaturmedizin stärker zur Vorbeugung zu kommen. Dafür brauche es sichere Daten- und Versorgungsstrukturen – auch mit Blick auf mögliche Krisen.
Massimo Darchini, italienischer Generalkonsul in Frankfurt, unterstrich die Bedeutung der deutsch-italienischen Zusammenarbeit. Gerade in Medizin und Pflege müsse die Entwicklung von KI gemeinsam vorangetrieben werden.
Dott. Giovanni D’ Angelo, Präsident der Ärztekammer von Salerno, wies darauf hin, dass KI Denken und Arbeiten grundlegend verändere. Der wissenschaftliche, ärztliche und kulturelle Austausch zwischen Deutschland und Italien sei deshalb ein wichtiger Schlüssel für die Zukunft. Die Gesundheitsversorgung müsse sich auf völlig neue Möglichkeiten und Wissenszugänge einstellen.
Chancen nutzen, Risiken beherrschen
„Gebt der KI nicht alle Daten. Vor allem: Gebt ihr niemals Patientendaten.“ Mit dieser klaren Forderung machte der Medizininformatiker Univ-Prof. Dr. med. habil. J.W. Andreas Goldschmidt, Moderator und Referent des Symposiums, auf die Risiken der Technologie aufmerksam. KI könne Gesundheitsförderung, Diagnostik und Therapie verbessern sowie Ärztinnen und Ärzte bei Routineaufgaben entlasten. Gleichzeitig bestünden Datenschutzrisiken, ethische Fragen und die Gefahr fehlerhafter KI-Ergebnisse, etwa durch sogenannte Halluzinationen.
Entscheidend seien daher qualifizierte Anwender, validierte Software, valide Daten, denn falscher Input erzeuge falsche Ergebnisse („Daten-Müll bleibt Müll"), eine konsequente Risikobewertung und klare Haftungsregeln. Goldschmidt forderte zudem belastbare Verträge mit KI-Anbietern. Seine Botschaft: Patienten dürfen nicht zum Experimentierfeld für KI werden.
Europa müsse zugleich seine eigenen technologischen Kompetenzen stärker nutzen. „Wir sind nicht auf verlorenem Posten in Europa, sondern auf einem guten Weg“, so Goldschmidt. Notwendig sei eine leistungsfähige europäische KI, die möglichst auch lokal eingesetzt werden könne. Gleichzeitig müsse die nächste Generation auf den Wandel vorbereitet werden – insbesondere an medizinischen Fakultäten.
Wie groß das Potenzial bereits heute ist, zeigten die Fachvorträge:
Prof. Gennaro Galasso, Außerordentlicher Professor an der Universität Salerno, Fachbereich Medizin, und u.a. Leiter der Abteilung für Herzerkrankungen am Universitätsklinikum Salerno, wies auf die enorme Bedeutung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen hin: Mit 1,7 Millionen Todesfällen jährlich seien sie Europas größte Todesursache. KI könne Diagnostik, Prognosen und Therapieentscheidungen verbessern. Besonders geeignet seien EKG-Daten und Gesundheitsdaten aus Wearables. Allerdings müssten Algorithmen auf unterschiedliche Bevölkerungsgruppen und Anwendungssituationen überprüft werden.
Prof. Dr. med. Sebastian Kuhn, Direktor des Instituts für Digitale Medizin am Universitätsklinikum Gießen und Marburg, sprach über die Integration von Algorithmen und ärztlicher Expertise. Besonders leistungsfähig sei dabei nicht die KI allein, sondern die Kombination aus ärztlicher und künstlicher Intelligenz. Gleichzeitig warnte Kuhn vor übermäßigem Vertrauen in die Technologie. Es drohten „Deskilling“ und „Never Skilling“, wenn Ärzte durch hochautomatisierte Systeme eigene diagnostische und manuelle Fähigkeiten verlieren. Deshalb müsse die Ausbildung angepasst und digitale Kompetenz stärker vermittelt werden.
Der Gastroenterologe Dott. Attilio Maurano, u.a. Leiter der Operativen Endoskopie des Universitätsklinikums Salerno sowie Dozent für Gastroenterologie am Universitätsklinikum Salerno, zeigte die Fortschritte in der endoskopischen Diagnostik. KI könne schwer erkennbare Läsionen sichtbar machen, Befunde typisieren und Diagnosen durch den Vergleich mit großen Bilddatenbanken unterstützen. Das Anwendungsspektrum reiche von Erkrankungen der Speiseröhre und des Darms bis zu Läsionen der Gallenwege und der Bauchspeicheldrüse. KI sei ein wertvolles Werkzeug des Endoskopikers – den Arzt könne sie derzeit jedoch nicht ersetzen
Dr. med. Christoph Polkowski, Oberarzt am Institut für Neuroradiologie und stv. Chief Medical Informatics Officer, Universitätsmedizin Frankfurt, referierte über „KI-Governance – zwischen technischen Möglichkeiten und regulatorischen Vorgaben“. Während die technischen Möglichkeiten rasant wachsen, hinke die praktische Umsetzung in den Krankenhäusern häufig hinterher. KI biete im Krankenhaus große Chancen. Für einen sicheren Einsatz brauche es hochwertige und standardisierte Daten, kompatible IT-Systeme sowie Datenschutz und klare Regulierung. Entscheidend sei eine umfassende KI-Governance, bei der geschulte Mitarbeitende die Systeme überwachen und die medizinische Verantwortung beim Menschen bleiben.
Über den Einsatz von KI bei seltenen Erkrankungen sprach Michaela Neff, Mitarbeiterin am Institut für Medizininformatik der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt. KI könne Ärztinnen und Ärzte dabei unterstützen, aus Symptomen mögliche Diagnosen abzuleiten, passende Spezialzentren zu finden und große Mengen genetischer oder klinischer Daten auszuwerten. Großes Potenzial bieten auch standardisierte und synthetische Daten, da bei seltenen Erkrankungen häufig nur wenige auswertbare Fälle vorliegen. Gleichzeitig bleiben Datenschutz, Datenqualität und Interoperabilität zentrale Herausforderungen.
Dott. Vincenzo Verrone, Facharzt für Allgemeinmedizin, Dozent bei der Gesundheitsbehörde von Salerno (ASL) und Lehrbeauftragter an der Universität Modena, sieht KI bereits als praktisches Instrument der Primärversorgung. Die Maschine könne Daten analysieren, Muster erkennen und Recherchen beschleunigen. Die entscheidenden Aufgaben blieben jedoch beim Arzt: Kontext verstehen, Mehrdeutigkeiten beurteilen, Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen. Seine zentrale Forderung: „Wir müssen lernen, die KI zu steuern, bevor die KI unsere kognitiven Prozesse steuert.“
Prof. Dott. Univ. Pisa Volkmar Jacobi, Geschäftsführer der Klinik im Forum Neu-Isenburg und ehem. Leitender Oberarzt der Radiologie der Universitätsklinik Frankfurt, zeigte auf, welche erheblichen Möglichkeiten künstliche Intelligenz in der Radiologie eröffne: Untersuchungen könnten beschleunigt, Bildqualität verbessert und Strukturen wie Tumore, Gefäßveränderungen oder Lungenveränderungen präziser erkannt und vermessen werden. Dies unterstrich Jacobi mit konkreten Fällen aus der Praxis. Besonders bei der automatisierten Bildanalyse, Verlaufskontrolle und Quantifizierung biete KI deutliche Vorteile. Gleichzeitig warnte er vor überzogenen Erwartungen.
Zum Abschluss des Symposiums spannte der Kardiologe Dott. Giovanni D‘ Angelo, u.a. ab 2005 Leiter der Kardiologie des Krankenhauses von Eboli und bis zu seiner Pensionierung 2021 Leiter der Abteilung Notfallmedizin der Gesundheitsbehörde von Salerno (ASL), einen breiten Bogen von den Anfängen der Medizin bis heute – und damit bis zur Rolle der KI in der modernen Medizin.
Nachdem in der Vergangenheit bereits wesentliche Grundlagen der modernen klinischen Methode geschaffen worden seien – Beobachtung, rationale Diagnostik, Prävention und gezielte Therapie – habe sich mit der wissenschaftlichen Weiterentwicklung auch das Arzt-Patienten-Verhältnis verändert. Hin zu einer therapeutischen Allianz, die auf Evidenz, informierter Einwilligung, Autonomie und der Würde des Patienten beruhe.
Die Einführung künstlicher Intelligenz stelle eine weitere Entwicklungsstufe dar. KI-Systeme können große Datenmengen analysieren und Ärzte bei Diagnostik, Prognose und Therapieentscheidungen unterstützen. Daraus ergäben sich neue Anforderungen an Qualifikation, menschliche Aufsicht, Dokumentation und Haftung. KI sei somit als Instrument der Entscheidungsunterstützung zu verstehen, während der Arzt weiterhin die zentrale Vermittlerrolle zwischen Technologie und Patient einnehme.
Fazit
Das Symposium machte deutlich: KI ist kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug für eine bessere Medizin. Ihr Nutzen hängt entscheidend davon ab, wie verantwortungsvoll sie eingesetzt wird. Dafür braucht es qualifizierte Fachkräfte, sichere Daten, überprüfbare Anwendungen und eine enge europäische Zusammenarbeit.
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