Kunst & Kultur

Veranstaltungshinweis & Interview: Mathias Tretter mit „Souverän“ am 7. Oktober bei den academixern

 

Mathias Tretter: Souverän

07.10.2026 19.30 Uhr academixer-Keller

Vor der Apokalypse wird Karneval gefeiert, weiß der Mann mit der Renaissance-Maske vor Augen und Nase. Da kann jeder sagen, was er denkt, und auf den Tischen ungeniert die Hose runterlassen, da ist der Narr König und der König Narr. Wenn sich dann alle ausgetobt haben (und die Apokalypse ausgeblieben ist), finden sie umso gesitteter wieder zusammen.

In sein Erfolgsprogramm "Sittenstrolch" steigt der seit Jahren in Leipzig lebende Mathias Tretter als Brighella ein und erntet statt eines Shitstorms einen aus Beifall. Mit einer solchen Maske einkaufen zu gehen bzw. Straßenbahn zu fahren und dabei die Zunge wie Tretter vom Zaume zu lassen, würde wohl fast allen im Publikum gefallen.

Doch aus der Zeit der Pest fliegen wir ruckzuck in die Gegenwart. Was sagt das Erstarken moralischer Läuterungsbewegungen (denken wir an die Spatzen aus "Game of Throns") über den Zustand einer Gesellschaft aus? Mathias Tretter stößt interessante Gedankenspiele an und gerät auf offener Bühne in einen Disput mit seinem Freund Ansgar. Der, um die 50 und Uni-Philosoph mit Sechzehntelstelle, wurde auf einer Dating-Plattform für Akademiker von einer jungen chinesischen Pianistin gefunden, ach was – auserwählt! Kabarettist Tretter hält eine Rede als Trauzeuge, aber auch der Bräutigam kommt zu Wort.

Es geht um Mao und Nietzsche, um Essen mit Geschichte und Kellner in der Szenegastronomie – alles hat mit allem zu tun. Das ist ja die Kunst! Abschließend stellt sich die Frage: Ist Tretter nun ein Sittenstrolch? Wenn man das als Kompliment nehmen darf, ja!

INTERVIEW mit Mathias Tretter – frei abdruckbar ohne Rücksprache – freigegeben durch die Agentur Sebastian Knoch

Herr Tretter, Sie sind seit über 20 Jahren auf der Bühne, haben sicherlich mehrere Tausend Auftritte hinter sich und jede namhafte Kabaretttrophäe eingeheimst. Wo und wann begann Ihre Karriere?

Meine Laufbahn begann 2001 durch einen Kommilitonen, Florian Hoffmann, in Würzburg, der in einem kleinen Theater einen Comedy-Abend organisiert hatte; Termin stand fest, Plakate hingen, Karten waren verkauft – das Einzige, was er vergessen hatte, waren Leute, die auftreten. Und nachdem ich Germanistik studierte, also sieben Tage die Woche Zeit hatte, und das Leben in dem Augenblick eh nicht wusste, was es mit mir anfangen soll, hab’ ich ihm die Zusage für einen Auftritt gegeben. Der war dann selbstverständlich der blanke Horror – aber im Vergleich zum Berufsleben, das mir sonst gedroht hätte, ein überschaubarer Schrecken.

Sie kommen aus Franken, leben aber seit vielen Jahren in Leipzig und sind obendrein ständig auf Tour. Sie sind somit ein ausgewiesener Ost-West-Experte. Stellen Sie Unterschiede beim Publikum fest? Lacht der Wessi an anderen Stellen als der Ossi; wenn ja, warum glauben Sie ist das so?

Nun ja, der Ossi lacht in Erfurt oder Greifswald, der Wessi in Duisburg oder Kehl. Ich hab’ kaum einen Wessi erlebt, der z.B.in Bitterfeld lacht, und dem Ossi bleibt’s auf Sylt im Hals stecken. Wenn’s um meine Komik geht – da ist ohnehin jedes Publikum anders. Es gibt an so einem Abend Tausende von Faktoren, die die Stimmung ausmachen: Luftdruck, Verkehrssituation, wie viele haben zu viel zu Abend gegessen, sitzen zerstrittene Paare drin, die schlicht die Karten nicht verfallen lassen wollen, wer hat bereits getrunken, und was, stinkt einer? Etcetera. Lachen ist zudem etwas Körperliches, Unkontrolliertes, wie Niesen; aber man fragt auch selten jemanden, ob er anders niest als eine Ostwestfälin (nur als Beispiel – meinetwegen auch ein Bauarbeiter oder Katholik).

„Souverän“ heißt das aktuelle Programm, mit dem Sie auf Tour sind. Worum geht es?

Das was drauf steht, ist auch drin: Es geht um den Souverän; in der Demokratie ist das das Volk – was auch immer das genau sein soll. Da wir uns aber allmählich von der Demokratie entfernen, stellt sich natürlich die Frage: Wer wird denn der neue Souverän? Dass ich die Antwort hier nicht verrate, versteht sich.

Als Kabarettist setzt man sich täglich mit der weltweiten Nachrichtenlage auseinander. Sie informieren sich, wie Sie immer wieder gesagt haben, hauptsächlich über Zeitung und Radio. Sie besitzen kein Smartphone und halten sich von Social Media fern – ein Rezept, um entspannt zu bleiben?

Nein, aber eine Chance. Und aus meiner Sicht die einzige. Sex und Bier helfen auch, sind aber völlig vertan, wenn man sie digital begleitet. Es gibt wenig Erhebenderes als einen ausgeschalteten Bildschirm. Am schönsten sind immer die Shitstorms gegen mich, von denen ich nichts mitbekomme. Man erfährt davon irgendwann durch Freunde, die einen dann meist noch besorgt fragen, was das mit einem mache? Und ich antworte immer: Es ist wie ein Sonnenaufgang über Kathmandu – ich habe ihn nie gesehen, aber es ist herrlich, dass es ihn gibt.

Was raten sie Ihren eigenen Kindern im Hinblick auf Information und Desinformation?

Eine charmante Schmeichelei, die Frage – danke. Dass man noch darauf kommt, ich würde nicht längst von meinen Kindern beraten, sondern umgekehrt, bauchpinselt mich doch ganz ordentlich. Als Komiker hat man es bei der Frage leicht: Es kommt nicht darauf an, ob etwas stimmt oder nicht, sondern ob es komisch ist. Ein Theater ist ein Haus der Lüge – man schaut Leuten beim Ausgestalten von Erfindungen zu. Und ich finde es keinen Zufall, dass seit einiger Zeit Komiker ins Politikfach wechseln. Das Digitale macht alles letztlich unwirklich. Was bleibt, ist Flunkern. Oder wie Donald Trump seine Politik beschreibt: „Great television“.

Zuletzt: Leipzig für immer – oder ist eine Rückkehr ins Fränkische denkbar für Sie?

Eine Rückkehr ist schon deshalb undenkbar, weil ich ja nie weggegangen bin. Um Thomas Mann zu plagiieren: Wo ich bin, ist Franken. Ich trage die fränkische Kultur in mir. Und Leipzig mag nur eine Romanze sein, aber eben eine unsterbliche. Oder zumindest, bis dass der Tod uns scheidet; hoffentlich, indem ich im Silvanerrausch von einer Bratwurstlawine verschüttet werde.

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