Kunst & Kultur

Der Ravensbrück-Überlebende Ib Katznelson mahnt: Der Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus muss von jeder Generation auf Neue ausgetragen werden

In der Gedenkstätte Ravensbrück wurde heute Vormittag mit einer Gedenkveranstaltung und einer Kranzniederlegung an die Befreiung der Häftlinge des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück vor 78 Jahren erinnert. Gedenkstättenleiterin Andrea Genest, die Präsidentin des Internationalen Ravensbrück Komitees Ambra Laurenzi und der Fürstenberger Bürgermeister Robert Philipp begrüßten die rund 300 Gäste, unter ihnen die Überlebenden Emmie Arbel (Israel), Irene Fainman-Krauß (Südafrika), Ib Katznelson (Dänemark), Barbara Piotrowska (Polen), Ingelore Prochnow (Deutschland) und Marla Tribich (Großbritannien).

Anschließend sprachen Ministerpräsident Dietmar Woidke, der Überlebende Ib Katznelson und die derzeit im Exil in Deutschland lebende Mitbegründerin der russischen Menschenrechtsorganisation „Memorial International“, Irina Scherbakova, zu den Anwesenden. Im Anschluss an christliche und jüdische Gebete wurden am Denkmal „Tragende“ Kränze niedergelegt.

Ministerpräsident Dietmar Woidke dankte den angereisten Überlebenden und Zeitzeugen: „Mit Ihnen gemeinsam hier zu sein, ist mir eine große Ehre und ein wichtiges Anliegen. Ihre Anwesenheit an diesem Gedenktag, das ist der wahre Sieg über den Hass, den Rassenwahn, die Verachtung der Nazis für alle, die nicht in ihre Ideologie und ihr Weltbild passten. Deshalb bin ich Ihnen unendlich dankbar dafür, dass wir gemeinsam erinnern und gedenken.“

Woidke weiter: „Gerade für die nachkommenden Generationen, für die der Holocaust und der Nationalsozialismus weit weg sind, ist dieses Gedenken wichtig. Der Kontakt mit Zeitzeugen ist für sie durch nichts zu ersetzen. Unser gemeinsames Gedenken steht für die Trauer um alle Kinder, Frauen und Männer, die entrechtet und verfolgt wurden, die in den Konzentrations- und Vernichtungslagern unermessliches Leid erfahren und durch Hunger, Erschöpfung, Krankheiten, Misshandlungen oder Hinrichtungen ihr Leben verloren haben. Wir verneigen uns vor allen Opfern dieser beispiellosen Gewaltherrschaft. Und wir sagen unmissverständlich: Die Schrecken des Nationalsozialismus dürfen sich nicht wiederholen.“

Woidke stellte zudem die bedeutende Arbeit der Gedenkstätten heraus: „Gedenkstätten wie hier in Ravensbrück sind überaus wichtige Lernorte. Sie können uns einen Teil dessen vermitteln, was hier geschehen ist, und uns für das hier erlittene Leid sensibilisieren. Die historisch-politische Bildungsarbeit der Mahn- und Gedenkstätten trägt erheblich dazu bei, deutsche und europäische Zeitgeschichte zu vergegenwärtigen. Gedenkstätten schaffen einen direkten Zugang zu den ansonsten kaum greifbaren, monströsen Verbrechen des Nationalsozialismus.“

Der dänische Ravensbrück-Überlebende Ib Katznelson mahnte: „Es ist offensichtlich, warum ich heute hier bin: Um meiner Mutter ehrend zu gedenken, aber auch aller Frauen und Kinder, die hier ermordet wurden; und auch, um an die Frauen und Kinder zu erinnern, die überlebt haben, die hier gelitten haben und für den Rest ihres Lebens von physischen und psychischen Narben gezeichnet waren. Ravensbrück sollte ein Ort sein, wo künftige Generationen ein tiefes Verständnis davon erlangen können, dass selbst verbale Diskriminierungen in den 1920er Jahren – insbesondere und an erster Stelle gegen Juden – zu einem schrecklichen Ende führten, an das uns dieser Ort erinnert. Wir und künftige Generationen sollten hier und an anderen Lagerorten daran erinnert werden, dass wir niemals darin nachlassen dürfen, gegen alle Erscheinungen von Rassismus, Antisemitismus und Krieg zu kämpfen. Wir sollten daran erinnert werden, dass es von essenzieller Bedeutung ist, für das Leben und gegen den Tod, für Liebe und gegen Hass, für Frieden und gegen Gewalt und Terror zu kämpfen, und dass dieser Kampf von jeder Generation auf Neue ausgefochten werden muss.“

Irina Scherbakova sagte: Der 24. Februar 2022 hat auf eine sehr schwere Weise die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg beschattet. Denn es wird zum ersten Mal nach diesen 78 Jahren ein aggressiver, brutaler Krieg geführt, deren Opfer die Zivilbevölkerung in der Ukraine ist. Und ganz besonders tragisch ist, dass die Propaganda, die die russische Gesellschaft in den Zustand gebracht hat, in dem sie sich heute befindet, stark auf den Kult des Sieges über das nationalsozialistische Deutschland und den Missbrauch der Geschichte gerichtet ist. Und dass der Krieg gegen die Ukraine auf diesen Krieg zurückgeführt wurde – oder sogar als eine Art Fortsetzung dieses Krieges im Kampf gegen angeblichen Nazismus und Faschismus.

Was können wir dem entgegensetzten? Diese Aufgabe geht weit über die Erinnerung an den Krieg hinaus, es geht um die Renaissance von Moral und Anstand, den Kampf gegen Grausamkeit und Gefühlsrohheit, Gemeinheit und Herzlosigkeit. Kein Mahnmal, keine Gedenkstätte kann die ungeheuren Verluste des Krieges erfassen, kann allein die Myriaden sinnloser Opfer verewigen. Das beste Gedenken ist nach wie vor die Wahrheit über den Krieg, das aufrichtige Erzählen der Ereignisse. Und in diesem Sinne ist das beste Gedenken unsere Solidarität im Kampf gegen das Unmenschliche – damals, heute und in der Zukunft.“

Ambra Laurenzi, die Präsidentin des Internationalen Ravensbrück Komitees und Tochter einer italienischen Ravensbrück-Überlebenden, verurteilte den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und die Zurückweisung von Flüchtlingen an den europäischen Grenzen und erklärte: „Ich gebe zu, dass wir gegenüber diesen Dingen machtlos sind, aber ich verspreche Ihnen, dass das Internationale Komitee nicht müde wird, bei jeder Gelegenheit die Stimmen unserer Mütter hören zu lassen, die feierlich versprochen haben, dass sie die kommenden Generationen beschützen würden, damit diese ein ruhiges Leben führen können, unter Wahrung des Friedens zwischen den Völkern und im Streben nach Menschlichkeit.“

Gedenkstättenleiterin Andrea Genest sagte: „Antisemitismus, rassistische Übergriffe, Verfolgung Anderslebender und die zunehmenden Versuche der Einschüchterung gehören zum Alltag einer Gesellschaft, die es oft nicht verhehlen kann, ein wenig stolz auf ihre Aufarbeitungsleistungen zu sein. Die politische und gesellschaftliche Krise, in der wir derzeit leben, fördert nicht die besten Eigenschaften in unserer Gesellschaft. Fast täglich sind wir mit Hassrede und Gewalt konfrontiert. Ein ‚Nie wieder‘ scheint nicht zu reichen, es ist ein ‚Es reicht!‘, das von Orten wie Ravensbrück ausgehen muss. Gedenkstätten sind wichtige Institutionen in unserer politischen Kultur, sie sind aber keine Allheilmittel. Sie können historisch informieren, sie können erklären, wohin menschliches Handeln führen kann, sie lassen erkennen, welche Ausmaße gruppenbezogene Gewalt annehmen kann. Zugleich verdeutlichen sie, wohin Schweigen führen kann, das kollektive Wegsehen, die Abgabe von Verantwortung.“

Fürstenbergs Bürgermeister Robert Philipp sagte: „Das Gedenken darf nicht durch eine schleichende Vereinnahmung des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus für partikulare, tagespolitische Interessen genutzt werden. Dies schmälert die Chance, den gesellschaftlichen Konsens, dass es Krieg und nationalsozialistische Diktatur nie wieder geben sollte, als grundlegende Übereinkunft zu erhalten.“

Hintergrund:

Zwischen 1939 und 1945 sind im KZ Ravensbrück 132.000 Frauen, 20.000 Männer und 1.000 weibliche Jugendliche des „Jugendschutzlagers Uckermark“ als Häftlinge registriert worden. Die Häftlinge stammten aus über 30 Nationen, unter ihnen befanden sich auch zahlreiche Juden sowie Sinti und Roma. Zehntausende wurden ermordet oder starben an Hunger, Krankheiten oder durch medizinische Experimente. Nach dem Bau einer Gaskammer Anfang 1945 wurden rund 6.000 Häftlinge von der SS vergast. Ende April 1945 trieb die SS Zehntausende Häftlinge auf Todesmärsche in Richtung Nordwesten. 3.000 im Hauptlager zurück gelassene Kranke wurden am 30. April 1945 durch die Rote Armee befreit.

Information: www.ravensbrueck.de

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