Shamonda-Virus bei Rindern: Neue Sorgen für Landwirte und Tierärzte
Schon wieder ein neues Virus?
Landwirte sind einiges gewohnt. Blauzungenkrankheit und Schmallenberg-Virus haben in den vergangenen Jahren gezeigt, dass Krankheitserreger manchmal überraschend auftauchen und sich über größere Gebiete verbreiten können.
Seit diesem Sommer ist ein neuer Name hinzugekommen: Shamonda-Virus, kurz SHAV.
Ganz neu ist das Virus allerdings nicht. Bereits in den 1960er-Jahren wurde das Shamonda-Virus in Nigeria nachgewiesen. Das jetzt in Europa aufgetretene Virus ist eng mit diesem schon lange bekannten Virus verwandt. „Neu“ ist also vor allem sein Auftreten bei uns.
Im Sommer 2026 waren zunächst in der Schweiz, Frankreich und Süddeutschland Rinder aufgefallen, die Fieber und Durchfall zeigten. Bei Milchkühen ging teilweise die Milchleistung deutlich zurück. Schließlich wurde ein Virus nachgewiesen, das durch winzige blutsaugende Insekten – sogenannte Gnitzen – übertragen wird.
Für den Menschen besteht nach bisherigem Kenntnisstand kein relevantes Infektionsrisiko. Für Rinderhalter und Tierärzte ist der neue Erreger trotzdem ein Thema, das aufmerksam verfolgt werden sollte.
Woher kommt eigentlich der ungewöhnliche Name?
Das Shamonda-Virus ist keineswegs völlig neu. Bereits in den 1960er-Jahren wurde es in Nigeria bei Rindern und Gnitzen nachgewiesen. Wie bei vielen Viren dieser Gruppe verweist auch sein Name auf den geografischen Zusammenhang seiner ursprünglichen Entdeckung. Das 2026 in Europa aufgetretene Virus ist mit diesem schon lange bekannten Virus eng verwandt – deshalb sprechen die Wissenschaftler heute vom Shamonda-Virus, kurz SHAV.
Was merkt der Landwirt?
Die gute Nachricht zuerst: Bei erwachsenen Rindern wurden bisher überwiegend eher milde und vorübergehende Krankheitsverläufe beobachtet. Die Tiere können Fieber bekommen, weniger fressen, Durchfall zeigen und in der Milchleistung abfallen.
Für einen Milchviehbetrieb kann das trotzdem erheblich sein, wenn mehrere Tiere gleichzeitig betroffen sind.
Hinzu kommt: Diese Symptome können viele Ursachen haben. Ein Landwirt kann einem Rind nicht ansehen, ob es sich tatsächlich mit dem Shamonda-Virus infiziert hat. Deshalb ist die Zusammenarbeit mit dem betreuenden Tierarzt wichtig.
Inzwischen wissen wir außerdem, dass in Europa zwei unterschiedliche Varianten des Virus auftreten, die als SHAV-EU1 und SHAV-EU2 bezeichnet werden. Beide wurden auch in Deutschland nachgewiesen.
Die größere Sorge gilt der Trächtigkeit
Und damit kommen wir zu der Frage, die Landwirte und Tierärzte besonders aufmerksam macht.
Das Shamonda-Virus gehört zu einer Gruppe von Viren, zu der auch das bekannte Schmallenberg-Virus zählt. Bei solchen Viren kann eine Infektion während der Trächtigkeit unter bestimmten Umständen auch das ungeborene Tier betreffen.
Ob und in welchem Umfang dies beim jetzt in Europa auftretenden Shamonda-Virus tatsächlich geschieht, wissen wir noch nicht.
Es wäre deshalb falsch, jetzt den Eindruck zu erwecken, dass in einigen Monaten zwangsläufig viele geschädigte Kälber geboren werden. Dafür gibt es derzeit keine Grundlage.
Genauso falsch wäre es aber, mögliche Auffälligkeiten einfach zu übersehen. Aborte, Totgeburten oder auffällige Kälber aus möglicherweise betroffenen Beständen sollten gemeinsam mit dem Tierarzt abgeklärt werden.
Keine Panik – aber aufmerksam bleiben
Was kann ein Rinderhalter also tun?
Vor allem beobachten und dokumentieren.
Wann traten Fieber, Durchfall oder ein ungewöhnlicher Milchleistungsabfall auf? Welche Tiere waren betroffen? Waren tragende Kühe darunter – und in welchem Stadium der Trächtigkeit?
Solche Informationen können Wochen oder Monate später ausgesprochen wertvoll werden. Deshalb sollten Auffälligkeiten während der Gnitzensaison möglichst mit den späteren Reproduktionsdaten des Betriebes verknüpft werden.
Landwirt und Tierarzt gehören an einen Tisch
Das Shamonda-Virus zeigt wieder einmal, warum moderne Tiermedizin weit mehr ist als die Behandlung eines einzelnen kranken Tieres.
Der Landwirt kennt seine Herde und bemerkt Veränderungen häufig als Erster. Der Tierarzt bringt medizinisches Wissen, Diagnostik und den Blick auf das gesamte Krankheitsgeschehen ein. Beides gehört zusammen.
Noch wissen wir nicht, welche Bedeutung das Shamonda-Virus langfristig für unsere Rinderbestände haben wird. Gerade die möglichen Auswirkungen einer Infektion während der Trächtigkeit müssen weiter beobachtet werden.
Deshalb gilt für die kommenden Monate:
Aufmerksam bleiben. Auffälligkeiten dokumentieren. Bei Bedarf diagnostisch abklären lassen – aber keine unnötigen Ängste schüren.
Denn gute Tiergesundheit beginnt nicht erst mit der Behandlung eines kranken Tieres. Sie beginnt wesentlich früher.
Autor:
Ernst-Günther Hellwig
Fachtierarzt und Agrarwissenschaftler
Agrar- und Veterinär-Akademie (AVA)
Weiterführende ausführliche Informationen für Landwirte und Tierärzte zum Shamonda-Virus finden Sie auf der Internetseite der Agrar- und Veterinär-Akademie (AVA).
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