Pilzvergiftungen: 852 Verdachtsfälle und zwei Todesfälle zählte das Giftinformationszentrum-Nord 2025 – im September klingelt das Telefon am meisten
Welche Pilzgattungen hinter den schweren Verläufen stehen
Die Statistik zu Pilzvergiftungen ordnet jeden Fall einer Gattung zu, soweit die Anrufer sie bestimmen können. Auf die Wulstlinge (Amanita), zu denen Grüner und Weißer Knollenblätterpilz, Pantherpilz und Fliegenpilz gehören, entfielen 2025 nach Angaben des Berichts 112 Fälle, darunter einer der beiden Todesfälle, acht schwere und 20 mittelschwere Verläufe. Acht der zehn schweren Pilzfälle des Jahres stammen damit aus dieser Gattung. Röhrlinge wie der Steinpilz kamen auf 33 Fälle, Pfifferlinge auf 13, meist mit leichten Magen-Darm-Beschwerden. In 221 Fällen blieb die Gattung unbekannt, weil keine Reste mehr vorlagen oder die Beschreibung nicht ausreichte.
Der Knollenblätterpilz ist gefährlich, weil seine Symptome erst nach Stunden einsetzen und die Leberschädigung dann schon läuft. Wer eine Mahlzeit verdächtigt, sollte deshalb nicht auf Beschwerden warten, sondern beim ersten Zweifel anrufen.
Wer in der Statistik am häufigsten als Betroffener auftaucht
Die Altersverteilung überrascht: Nicht Sammler, sondern Kleinkinder stellen die größte Gruppe. Von den 852 Pilzfällen betrafen laut GIZ-Nord 312 Kinder zwischen einem und vier Jahren und 32 Säuglinge unter einem Jahr; beide Gruppen zusammen machen 40 Prozent aus. Bei Erwachsenen zwischen 20 und 49 Jahren registrierte das Zentrum 147 Fälle, bei 50- bis 69-Jährigen 81 und bei über 70-Jährigen 39. Die Kinderfälle entstehen meist im Garten oder auf dem Spielplatz, wenn ein Pilz vom Rasen in den Mund wandert; sie verlaufen überwiegend symptomlos, binden aber Beratungszeit, weil die Art selten bekannt ist.
„Die Zahlen zeigen zwei verschiedene Risiken: das Kind, das einen Pilz vom Rasen probiert, und den Sammler, der einen Doppelgänger übersieht. Beide brauchen dieselbe Reaktion, nämlich sofort anrufen, statt abzuwarten“, sagt Alexander Weipprecht, Geschäftsführer der Provimedia GmbH.
Warum der Herbst die Anfragen nach oben treibt
Die Monatsverteilung des Berichts zeigt den Saisonverlauf über alle Vergiftungsursachen hinweg. Im September 2025 zählte das GIZ-Nord 5.755 Anrufe, im August 5.559 und im Oktober 5.217; der Februar kam auf 3.705. Der Herbstmonat lag damit 55 Prozent über dem ruhigsten Monat des Jahres. Für die Beratung standen zum Jahresende 2025 nach Angaben des Zentrums 34 Personen auf 19 Vollzeitstellen bereit, rund um die Uhr erreichbar unter der Rufnummer 0551 19240.
Der Anstieg fällt mit der Zeit zusammen, in der Wanderer, Camper und Sammler länger unterwegs sind und die Wege zum nächsten Arzt weiter werden. Was in den ersten Minuten nach einem Notfall in der Natur zu tun ist, beschreibt eine Anleitung zur Ersten Hilfe in der Wildnis, von der Blutstillung bis zur Lagerung eines Erkrankten. Bei einem Pilzverdacht ersetzt sie den Anruf beim Giftnotruf nicht, sie überbrückt die Zeit bis zur ärztlichen Hilfe.
In welcher Reihenfolge bei Verdacht auf eine Pilzvergiftung zu handeln ist
Die Deutsche Gesellschaft für Mykologie, die nach eigenen Angaben mehr als 2.000 Mitglieder zählt und Pilzsachverständige ausbildet, hat mit ihrem Fachausschuss Pilzverwertung und Toxikologie eine Reihenfolge festgelegt. Fünf Schritte gelten für alle, die an der verdächtigen Mahlzeit teilgenommen haben:
- Bei schweren Symptomen den Rettungsdienst unter 112 rufen, bei leichten Beschwerden oder Unsicherheit den Giftnotruf.
- Putzreste, Speisereste oder Erbrochenes sichern und dem Arzt mitgeben; Fotos des Sammelguts helfen bei der Bestimmung.
- Keine Zeit mit eigener Ursachensuche, Suchmaschinen oder Pilz-Apps verlieren.
- Alle Mitessenden informieren, auch wenn sie noch keine Beschwerden haben.
- Keine Hausmittel anwenden: kein Erbrechen auslösen, keine Milch, kein Salzwasser.
Nach Angaben der Fachgesellschaft gibt es keine Methode, die Giftigkeit eines Pilzes am Silberlöffel, an Fraßspuren von Tieren oder an der Kochzeit zu erkennen; rohe Speisepilze sind mit wenigen Ausnahmen ohnehin unverträglich. Die Pilzsachverständigen der Gesellschaft bestimmen Sammelgut vor dem Verzehr, und der Leitfaden für diese Prüfer erschien im Juli 2026 in dritter Auflage.
Der Jahresbericht 2026 des GIZ-Nord folgt nach dem bisherigen Rhythmus im Sommer 2027 und wird zeigen, ob die Saison 2026 mehr Anrufe gebracht hat als das Vorjahr.
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