Die (Bedarfs-) Wehrpflicht kommt bald – was jetzt?
Aufrüstung der Bundeswehr bereitgestellt. Das Budget der Bundeswehr werde bis 2029 schrittweise auf circa 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) steigen. Im Jahr 2029 sollen etwa 152 Milliarden Euro für Verteidigungsausgaben zur Verfügung stehen.
Kasernen modernisieren, neue Waffen beschaffen
Der nächste Schritt der Aufrüstung betreffe das Material, wie die Kasernen und die Panzer der Bundeswehr. Im Februar dieses Jahres wurde das Bundeswehrbeschaffungsbeschleunigungsgesetz (BwBBG) verabschiedet. Dadurch werde die Beschaffung von Ausrüstung und die Vergabe von Aufträgen, beispielsweise bei der Modernisierung von Kasernen, entbürokratisiert. Außerdem steigt der Bund mit einem Anteil von 40 Prozent bei dem niederländischen Rüstungskonzern KNDS ein.
Mehr Personal benötigt
Nachdem nicht nur Geldmittel, sondern auch die Ausrüstung bereitgestellt werden soll, gehe es um das Personal der Bundeswehr. Bis 2035 soll die Truppe 460.000 Soldaten umfassen. Davon sollen 260.000 Personen als Zeitsoldaten und 200.000 Personen in der Reserve dienen. Dazu hat die Bundeswehr eine Aufwuchsplanung erstellt, der berechnet, wie viele Personen sich jährlich freiwillig melden müssten, um dieses Vorhaben umzusetzen. Im Dezember 2025 wurde ein Wehrdienst-Modernisierungsgesetz (MDModG) vom Bundestag verabschiedet. Sollte die Aufwuchsplanung der Bundeswehr nicht durch Freiwilligkeit erreicht werden, greife eine Bedarfswehrpflicht. Diese ermögliche es, die fehlende Anzahl der für die Personalziele benötigten Personen einzuberufen. Das heißt, dass je nach Bedarf der Bundeswehr Personen zum Wehrdienst verpflichtet werden können. De facto wäre dies die Wiedereinführung der Wehrpflicht, da der Bedarf an Soldaten nach Einschätzung der sicherheitspolitischen Lage ermittelt werde.
Allgemeine Wehrerfassung
Parallel dazu findet ab diesem Jahr eine allgemeine Wehrerfassung statt. Alle Männer und Frauen des Jahrgangs 2008 erhalten einen Brief der Bundeswehr. Dort wird gefragt, ob man bereit wäre, beim Bund zu dienen. In Zukunft werden alle Personen, die 18 Jahre alt geworden sind, einen solchen Brief erhalten. Männer sind verpflichtet, darauf zu antworten. Dadurch kann die Bundeswehr die erforderlichen Verwaltungsstrukturen aufbauen, um wieder eine sehr hohe Anzahl von Personen zu bewältigen. Im kommenden Jahr werde die Bundesregierung prüfen, ob der freiwillige Wehrdienst ausreicht, um das Aufwuchsziel für die Anzahl der Soldatinnen und Soldaten zu erreichen. Sollte dieses Ziel nicht erreicht werden, empfahl der Wehrbeauftragte der Bundeswehr bereits im Jahresbericht 2025 die Rückkehr der allgemeinen Wehrpflicht. Selbst wenn die alte Wehrpflicht nicht kommt, werde durch die Bedarfswehrpflicht ermöglicht, dass mit einem einfachen Gesetz Personen für den Wehrdienst verpflichtet werden können. Im Bundesamt für Familie und Zivilschutzangelegenheiten wurde für die Thematik der Kriegsdienstverweigerung bereits eine Stabsstelle mit etwa 20 Mitarbeitenden gebildet. Offensichtlich gehe man in Regierungskreisen davon aus, dass diese Stabsstelle einiges zu tun haben werde.
Zeit der Vorbereitung
Die jüngsten Entwicklungen würden einen klaren Weg zur Wehrpflicht weisen. Auch die Jugendlichen in der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten würden vor die Frage gestellt, ob sie Wehrdienst leisten wollen oder nicht, so Johannes Hofmann. Deshalb sei jetzt die Zeit der Vorbereitung. Vorbereitung bedeute, konkrete Schritte zu ergreifen, damit die Freikirche für die Realität einer Wehrpflicht gerüstet sei. „Wir müssen für all die Debatten und Gewissensfragen bereit sein, die mit der Wehrpflicht auf die Gesellschaft und damit auch auf unsere Freikirche zukommen werden“, betont Hofmann in seinem Artikel. Viele Menschen in Deutschland hätten zwar eine Distanz zur Kirche, gleichzeitig aber eine Nähe zur christlichen Friedensethik. Folglich eröffneten diese Entwicklungen Räume für Begegnung und Gespräche über die christliche Friedensbotschaft. Das besondere Interesse sollte darin liegen, diejenigen zu unterstützen, die sich am meisten mit dieser Thematik auseinandersetzen müssen. Das wären die Jugendlichen der eigenen Freikirche und darüber hinaus all diejenigen, die vor diese Gewissensfrage gestellt werden.
Aufbau eines Netzwerks
„Zunächst beginnen wir mit dem Aufbau eines Netzwerks aus Beratern und Ansprechpartnern für Kriegsdienstverweigerung“, berichtet Johannes Hofmann. „So sollen Jugendliche in unseren Gemeinden und darüber hinaus in der gesamten Region lokale Ansprechpartner erhalten.“ Jugendgruppenleiter, Pastoren und Pastorinnen würden ermuntern, Jugendstunden zum Thema „Krieg und Frieden“ zu halten. Denkbar seien auch Informationsabende von Gemeinden zum Thema Kriegsdienstverweigerung. Der Aufbau dieses Netzwerks habe bereits begonnen.
Da die Freikirche der Siebenten-Tags Adventisten Mitglied in der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerung und Frieden (EAK) ist, habe sie Zugang zu einer Online-Ausbildungsplattform. Mithilfe von Erklärvideos werde dort eine Ausbildung in der Beratung und zum Thema Kriegsdienstverweigerung angeboten. Dieses Werkzeug könne auch von Adventisten genutzt werden, die sich zu Beratern für Kriegsdienstverweigerung ausbilden lassen wollen. Darüber hinaus werde es eine Internetseite geben, auf der unter anderem das Antragsverfahren zur eigentlichen Kriegsdienstverweigerung erklärt werde, eine theologische Einordnung stattfinde und perspektivisch auch adventistische Zivildienststellen beworben würden.
Zivildienst in der Bundesrepublik
Da es bei der Bundeswehr keinen waffenlosen Sanitätsdienst gab, empfahl die adventistische Freikirchenleitung in der Bundesrepublik ihren Wehrpflichtigen den Zivildienst. Die Jugendabteilungen der Freikirche organisierten Seminare für Kriegsdienstverweigerer und sorgten dafür, dass Pastoren die Jugendlichen bei den Verhandlungen vor den Prüfungsausschüssen und -kammern als kirchliche Beistände begleiteten. Die Freikirchenleitung gab 1986 eine 170-seitige Handreichung für Kriegsdienstverweigerer für die Adventjugend in der Bundesrepublik Deutschland heraus.
Anfang der 1980er-Jahre wurden in Ost und West neue Waffensysteme entwickelt und aufgestellt. Dadurch wurde vielen Menschen die ungeheure Bedrohung des Lebens bewusstgemacht. Die Leitung der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in der Bundesrepublik gab deshalb im Dezember 1983 eine Erklärung zur Friedensdiskussion heraus. Darin heißt es unter anderem: „Wir lehnen heute Krieg in jeder Form ab und sehen deshalb in der Entwicklung, der Produktion, dem Besitz, der Drohung mit und dem Einsatz von diesen Waffen einen Verstoß gegen den Willen Gottes.“
Bausoldaten in der DDR
In der DDR gab es keinen zivilen Ersatzdienst. Es gab aber ab 1964 einen waffenlosen Militärdienst – die Bausoldaten. Die meisten wehrpflichtigen Adventisten entschieden sich dafür, wenngleich für einen Bausoldaten in der Regel damit der Ausschluss vom Hochschulstudium verbunden war. Unter den bereits getauften adventistischen Jugendlichen gab es nur ganz wenige, die den Waffendienst in der Nationalen Volksarmee ableisteten; und auch die wenigen meist im Sanitätsdienst. Aber selbst noch nicht getaufte Jugendliche zogen trotz offenkundiger Nachteile den Dienst als Bausoldaten vor.
Keinen freiwilligen Dienst in der Bundeswehr
Die Aussetzung der Einberufung zur Wehrpflicht in der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2011 ändert nichts an der Empfehlung der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten, keinen Wehr- und Kriegsdienst zu leisten. Aus diesem Grund gab sie im Jahr 2018 die Stellungnahme „Mut zum Frieden“ zum Gedenken an das Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren heraus. Die Freikirchenleitung empfiehlt in der Erklärung ihren Mitgliedern, sich weder direkt noch indirekt an einem Krieg zu beteiligen. „Jesus Christus hat seine Nachfolger zu Friedensstiftern berufen“, wird in der Stellungnahme hervorgehoben. Wo Menschen im Frieden mit Gott leben, suchen sie auch den Frieden mit Menschen; denn der Friede ist unteilbar und durchdringt alle Lebensbereiche. Daher empfiehlt die Freikirchenleitung ihren Mitgliedern sowie den Mitgliedern der Adventjugend in Deutschland, „sich weder direkt an einem Krieg im Rahmen des freiwilligen Dienstes in der Bundeswehr noch indirekt bei der Vorbereitung eines Kriegs durch Mitwirkung an der Waffen- und Zubehörproduktion sowie an der Informationstechnik zu beteiligen“.
Hinweis: Die Stellungnahme Mut zum Frieden ist unter folgendem Shortlink zu finden: https://tinyurl.com/mrxxzbds
Die Juli/Augustausgabe der Kirchenzeitschrift Adventisten heute, die im Advent-Verlag (Lüneburg) erscheint, ist unter folgender Website als Ansichts-pdf verfügbar: https://advent-verlag.de/zeitschriften/mut-fuer-morgen-geschichten-aus-der-kirche-i-aheu-7-8-26/
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